Zusammenfassung und Ausblick

Nicht ein Konzert, ein Album, Video, Poster oder Cover allein kann als angemessener Text dessen, was einen Star ausmacht, verstanden werden. Intertextuelle Kompetenz ist unabdingbar für die populäre Produktivität, aus Texten Bedeutungen zu schöpfen. Auch ein Star wie Udo Jürgens entsteht nur intertextuell – im direkten Austausch der Fans, als soziologisches Phänomen, als Idol, als kulturelles Stereotyp, als Element des kulturellen Wissens, als ein Produkt der Musikindustrie und Bestandteil ihrer Marketingstrategien, als Gegenstand der Regenbogenpresse etc. – weshalb man mit Versuchen, den Star durch individuelle Merkmale seines Images wie Schönheit, Talent, schauspielerische Begabung oder Sex-Appeal, die lediglich ‚Kann‘-Kriterien sind, zu beschreiben, zu keinen generalisierbaren Ergebnissen kommt. Natürlich liefern die realen Personen durch ihr Talent, ihre Fähigkeiten, ihr Aussehen, ihre Ausstrahlung und ihre Lebensweise eine unverzichtbare Grundlage für das als ‚übermenschlich‘ erachtete Starimage. Aber je nachdem, von welchem Standpunkt man sich dem Star nähert, verändert sich auch das Bild des Startums. Erst in der Rezeption werden die potentiellen Bedeutungen des Starimages realisiert, weshalb dem Publikum eine entscheidende Rolle zukommt. In dessen Kontext entsteht die Vorstellung über einen Künstler – sein Image. Dabei spielen nicht nur Zeichen und Codes aus dem Image als Medienprodukt eine Rolle, sondern wesentlich auch subjektive Faktoren der Rezeption sowie der kulturelle Kontext, der durch seine vorhandenen Werte den Horizont des Verstehens am Starimage bildet. Der Erfolg eines Künstlers kann somit als allgemeine, definierende Kategorie des Stars gelten. Wie im Theorieteil bereits angesprochen, werden in der Aneignung eines Starimages die mehrdeutigen Medien vermittelten Rohmaterialien/Zeichen von den Rezipienten mit spezifischen Bedeutungen aufgeladen, die in ihnen enthaltenen Bedeutungen selektiv absorbiert und die verschiedenen Informationen, Texte und Zeichen miteinander verknüpft.

Jürgens Erfolg als Schlagersänger begann mit dem Siegertitel Merci Chérie des Grand Prix Eurovision de la Chanson 1967. Seine Adressaten waren vor allem junge Leute, die in Jürgens sowohl ein Idol als auch ein ästhetisches Vorbild sahen. Jürgens schuf durch sein Äußeres und sein öffentliches Auftreten einen Gegenpol zur aufständigen Beat-Kultur der 60er Jahre. Sein über Jahre aufgebautes Image wurde durch das 1971 erschienene, das politische System der damaligen Bundesrepublik verurteilende Lied Lieb Vaterland erheblich verändert und nicht zuletzt um die Facette des sozialkritischen Sängers mit politischen Ambitionen erweitert. Begünstigt wurde der vom Manager Beierlein ausdrücklich geplante Imagewechsel, der den „Einbruch in meinungsbildende Schichten“ (zit. nach Busse 1976, S.26) zufolge haben sollte, durch die zur gleichen Zeit aufkommende Liedermacher-Szene. Innerhalb des deutschen Schlagers sollte sich ein weiteres Themenfeld ergeben, dessen Vorreiter Udo Jürgens wurde. Die von Beierlein anvisierte Käufer-Zielgruppe sollte aus mittleren bis höheren Angestellten bestehen. Die Erhebung dieser Arbeit konnte dies belegen: 60% der Befragten haben eine Ausbildung absolviert, 24% schlugen eine akademische Laufbahn ein.

Biographische Fakten werden bis heute durch das Management in der Öffentlichkeit so eingesetzt, dass sie ein bestimmtes, durchgängiges und in sich konsistentes Image propagieren, das darüber hinaus auch noch gut zu den Songtexten passt. Die Wirksamkeit dieser Strategie zeigt sich an den Äußerungen der Fans, die Eigenschaften wie Talent, Persönlichkeit und Aussagekraft ihres Stars als besonders wichtig bewerteten. Die Imagekonstruktion vor allem durch das Management ist niemals abgeschlossen. Heute wird hauptsächlich über die Programmhefte und die Homepage im Internet gearbeitet. Die Fans zitieren auffällig häufig bestimmte, zur jeweiligen Situation passende Textpassagen aus den Liedern von Udo Jürgens und verweisen zur Untermauerung ihrer Argumentation nicht selten auf in eben solchen Programmheften oder Internetseiten veröffentlichte Statistiken und Umfragen des Managements. Die positive Resonanz des Images von Udo Jürgens äußert sich schließlich auch darin, dass sein Name als Werbeträger für bestimmte Produkte, u. a. für die Sektmarke ‚Deinhard‘, den Baumarkt ‚OBI‘ oder für Produkte der Marke ‚Abtei‘, fungiert, die als Sponsoren wiederum bei sämtlichen öffentlichen Aktivitäten des Stars anzutreffen sind.

Der Vergleich der Medienfigur Jürgens von 1971 und heute zeigt, dass er in den heutigen Printmedien als anerkannter, professioneller Künstler beschrieben wird, der mitunter auch zu seiner politischen Meinung befragt wird (z. B. nach dem Wahlgewinn Jörg Haiders auf Bundesebene 1999 in Österreich). Das Medienbild deckt sich mit dem Image, das die befragten Fans von Udo Jürgens haben: sie gestehen ihm Professionalität, Lebenserfahrung und allgemeine Anerkennung zu. Aus diesem Grund erwarten sie von ihm kompetente Meinungsäußerungen bezüglich politischer, sozialer und religiöser Themenfelder. Darüber hinaus kritisieren sie allerdings das Image von Jürgens in der allgemeinen Öffentlichkeit, die in ihm ihrer Meinung nach weiterhin nur den ‚schnulzenträchtigen‘, ‚machohaften‘ Schlagersänger sieht. Dies liegt unter Umständen nicht an Jürgens Medienimage, sondern vielmehr an der geringen visuell-akustischen Präsenz des Künstlers in Radio und Fernsehen, weshalb das veränderte Image bis heute nicht genügend über diese wichtigen Medien an die allgemeine Öffentlichkeit gelangen konnte.

Während sich Jürgens äußeres Erscheinungsbild innerhalb der letzten 35 Jahre so gut wie nicht verändert hat, hat er sich musikalisch weiterentwickelt. Sowohl in den Medien als auch von den Fans wird er als 'musikalischer Grenzgänger' mit eigenem Musikstil dargestellt. Jürgens sei den Aussagen der Fans zufolge zwar modern, aber niemals ‚trendy‘, was schließlich seinen Erfolg ausmachen würde, der sich meines Erachtens auf die Stilvielfalt seiner Musik gründet, die mal volkstümlich, mal rockbetont, dann wieder schlagertypisch ist. Dieser musikalische Facettenreichtum spricht in den Rezipienten die verschiedensten Präferenzen an, weshalb die Altersspanne der befragten Fans sehr breit ist.

Die vehemente Bekräftigung der Fans, dass Jürgens sich längst des Images eines Schlagersängers entledigt habe, ist nicht ganz unbegründet, obwohl dennoch einige Tatsachen dafür sprechen: typisches Merkmal für die Fans sowohl des deutschen Schlagers als auch von Udo Jürgens sind zum einen das emotionale Hören und die damit verbundene Suche nach Trost und Kraft durch den Schlager, des weiteren die hohe Identifikationsrate der Befragten sowohl mit der Musik als auch mit den Texten, und nicht zuletzt die ausdrückliche Schaffung einer Distanz zum Alltag und die Abgrenzung nach Außen. Die Identifikation spielt bei den Jürgens-Fans eine zentrale Rolle, als deren Indiz die überdurchschnittlich hohe Fandauer mit 20,1 Jahren gelten kann. Über die Hälfte aller Befragten, darunter mehrheitlich die weiblichen Befragten, suchen die Nähe zu ihrem Star – allerdings mehrheitlich ohne sexuelle Ansprüche.

Stets wird auf die besondere Atmosphäre des Live-Konzertes und die sich darin offenbarende Professionalität des Künstlers verwiesen. Dies könnte in Zusammenhang stehen mit der bereits angesprochenen, geringen visuell-akustischen Medienpräsenz des Stars vor allem im Fernsehen. Ebenfalls bedeutsam ist der Erwerb von kulturellem Kapital unter den Befragten. Indem sie die vom Star vermittelten Zeichen mit persönlichen, oben erwähnten Bedeutungen versehen, sind sie semiotisch produktiv. Die textuelle Produktivität ist allerdings eingeschränkt: weniger als 1/6 aller Befragten verfasst selbst Texte oder Gedichte. Höher dagegen liegt die interpretatorische Tätigkeit der Fans: knapp 1/3 der Befragten spielt die Musik von Jürgens auf einem Instrument nach, die Hälfte aller Befragten gab an, die Lieder von Jürgens nachzusingen. Entgegen den Theorien sind die befragten Fans am wenigsten expressiv tätig: die Kommunikation mit anderen Fans bewerten sie als ‚gleichgültig‘, nur 1/4 aller Befragten pflegt den Kontakt zu anderen Fans.

Obwohl sich diese Arbeit nicht mit musikalischen Stilistiken von Schlagermusik auseinandersetzt – so könnte in einer weiteren Arbeit der Versuch unternommen werden, die Musik von Jürgens unter schlagerstilistischen Aspekten zu untersuchen und dadurch seinen Erfolg zu erklären – kann man aufgrund der Ergebnisse aus dem Fragebogen zu folgenden vorläufigen Feststellungen gelangen (die allerdings einer eingehenderen Untersuchung bedürfen): abgesehen davon, dass die Art der orchestrierten Begleitung bei den Konzerten von Udo Jürgens, der harmonisch-melodische Aufbau der Lieder und das Ambiente der Präsentation keine eindeutigen Elemente mehr enthalten, die Jürgens Musik als 'Schlager' identifizieren könnten, ist auch die Zusammensetzung der befragten Fans eine andere: die Geschlechterverteilung ist nahezu gleich und statistisch unbedeutend, was zum einen daran liegen könnte, dass das Internet immer noch eine Männerdomäne ist, andererseits der Männeranteil unter den Jürgens-Fans allgemein sehr hoch sein könnte. Entgegen der Theorie, die sich im Bereich der Cultural Studies größtenteils auf Jugendkulturen bezieht, ist auch die Intensität des Fanseins bei den Befragten trotz zunehmenden Alters nahezu gleich bleibend. Die Musik von Udo Jürgens übt, wie es bei Schlagermusik der Fall wäre (vgl. S.80), allerdings kaum Anziehungskraft auf Menschen aus mittleren und unteren Bildungsschichten aus (vgl. S.95), wobei ich mich nur auf meine Erhebung berufen kann (genauere Ergebnisse diesbezüglich würde eine – nicht nur auf das Internet beschränkte – Befragung unter allen Jürgens-Fans liefern, die sich dann allerdings als ein logistisches Problem herausstellt). Sowohl die Bildung der befragten Fans, die Geschlechterverteilung als auch das Alter spielen bei den Einstellungen der Fans gegenüber ihrem Fansein und der Beurteilung ihres Stars statistisch keine signifikante Rolle. Die Fans von Udo Jürgens, so heterogen sie in Bezug auf Alter und Geschlecht auch sind, sind in ihren Äußerungen überraschend konform. Das Werk des Künstlers erachten die befragten Fans gegenüber der Person als mindestens gleichbedeutend. Musik und Texte werden neben ihrer Wirkungsbedeutung vor allem unter ästhetischen Kriterien beurteilt. Während als Charakteristikum der Fan-Bedeutung die Hälfte aller Befragten die musikalisch-inhaltliche Identifikation angibt, nimmt für 3/4 aller Befragten – auch hinsichtlich eines Wunsches in Bezug auf den Star – das Werk, die Ästhetik der Lieder und das weitere Schaffen des Künstlers eine zentrale Bedeutung ihres Fanseins ein.

 Es war zwar nicht die Aufgabe dieser Arbeit, den Erfolg von Udo Jürgens zu exemplifizieren, aber der Erfolg als Garant für ein funktionierendes Image misst sich hauptsächlich am Publikumszulauf: der Star wird erst zum Star durch seine Fans. Udo Jürgens Erfolg leitet sich nicht nur daraus ab, dass er geschickt gemanagt und vermarktet wurde und wird, sondern vor allem daraus, der er mit seiner Musik und seiner Art, sie darzubieten, die unterschiedlichsten Menschen berührt. Musikstile sind mit bestimmten Altersgruppen verbunden, die aufgrund von Fähigkeiten, Herkunft und Bildung und der daraus resultierenden unterschiedlichen Zusammensetzung des kulturellen Kapitals auch verschiedene kulturelle Erwartungen haben. Populärkultur verweist immer auf Interessen und Ziele unterschiedlicher Gruppen und deren Handeln in Alltagskontexten und bedarf deshalb nicht nur einer Analyse der Produktion von Medienangeboten, sondern vielmehr einer stetigen Publikums- und Hörerforschung.

Die vorliegende Arbeit bestätigt nicht nur das funktionierende Image von Udo Jürgens, sondern liefert darüber hinaus Ansatzpunkte, die den lang anhaltenden Erfolg von Udo Jürgens begreiflich machen. "Mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluß..." versprach Udo Jürgens und konnte dies aufgrund seiner professionellen Vermarktung und der daraus resultierenden phänomenalen Resonanz im Jahr 2000 einlösen, indem er seine Fans weiter auf die verschiedenste Art zu unterhalten und sie dadurch an sich zu binden vermag.

 


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