1.2.2 Die Fans von Udo Jürgens

1.2.2.1 Aussagen des Stars Udo Jürgens über seine Fans

Das Buch „...unterm Smoking Gänsehaut“ ist einerseits eine Biographie von Udo Jürgens, der seinen Gedanken Freiraum schaffen, seine Erlebnisse und die Erinnerungen daran textlich festhalten und sich nicht zuletzt mit diesem Buch bei all den Menschen bedanken wollte, die ihn prägten und zu dem machten, was er heute ist. Für die Fans (Fans sind Jürgens zufolge Menschen, die sich für einen Künstler interessieren. Obwohl er das Wort ‚Fan‘ vom negativ besetzten Begriff ‚Fanatismus‘ ableitet, entschied er sich ob des allgemeinen Sprachgebrauchs für diese Definition) hat ein solches Buch jedoch eine ganz andere Bedeutung, denn der Star vermittelt darin vermeintliche Einblicke in sein Privatleben, wodurch der Fan der undurchschaubaren Person des Udo Jürgens wieder ein Stück näher kommen kann, indem er Gemeinsamkeiten und Parallelen zum eigenen Leben feststellen und somit das Schicksal des Stars teilen kann. Der Star wird wiederum als Leidensgenosse wieder erkannt, womit der Fan sich über eigene Unzulänglichkeiten im realen Leben hinweg trösten kann.
Nebenbei bemerkt musste sich Udo Jürgens dieser Wirkung bewusst gewesen sein, denn der überwiegende Teil der Käufer dieses Buches waren und sind seine eigenen Fans, abgesehen von den zahlreichen Formulierungen, die dasjenige Bild von ihm widerspiegeln, wonach die Fans suchen. Dem Wunsch nach Inbesitznahme der Person Udo Jürgens begegnet dieser in Form eines sich mit dem ‚Privatmann‘ Udo Jürgens beschäftigenden Buches:
„Diese Menschen betonen fast immer, den Menschen Udo Jürgens und nicht den Künstler Udo Jürgens kennen lernen zu wollen. Ausdrücklich geht es ihnen um die Person, nicht um die Sache, die diese Person macht.“ (Jürgens 1994, S.220)

Dieses Vorhaben könne jedoch nie gelingen, da
„der Mensch [...] vom Künstler nicht zu trennen [ist]. Jedenfalls gelingt mir diese Trennung nicht. Musik ist mein Leben und Leben ist meine Musik.“ (ebd., S.220)

Wie deutlich sich Jürgens dem Streben seiner Fans nach Nähe bewusst ist, belegt folgendes Zitat:
„Viele fühlen sich zurückgestoßen, haben sie doch oft jahrelang immer wieder versucht, an ‚ihren‘ Künstler heranzukommen; sie schicken ihm Blumen, machen ihm Geschenke, stehen stundenlang am Bühnenausgang oder gar vor der Haustür – alles nur, um ‚ihrem Star‘ nahe zu kommen. Und je aggressiver sie das fordern, desto nachdrücklicher werden sie von den Sicherheitsorganen abgewiesen. Da kann man deutlich beobachten, wie Zuneigung und Liebe in Hass umschlagen.[...] Doch diese Art von Fan ist Gott sei Dank eine Minderheit. Die Mehrheit freut sich einfach an den Liedern, den Texten – und viele wollen ganz einfach in Kontakt zu mir treten.“ (ebd., S.220f.)

Seine Adressaten seien Menschen aus verschiedenen Generationen, Nationen und vor allem aus verschiedenen Altersstufen (vgl. mit den Ergebnissen aus dem Fragebogen in 1.2.1).

Der Spiegel äußerte sich am 13.07.1970 in dem Artikel ‚Über Udo 70‘ zu der Public Relation einer Tournee von Udo Jürgens: Udo habe „einen außergewöhnlichen Beruf“, er sei „Künstler (...), der viel unterwegs ist und vielen Menschen Freude bereitet“. Udo Jürgens nimmt selbst in einem extra ausgewiesenen Kapitel seines Buches Stellung zu dem Verhältnis zu seinen Fans, indem er seine Musik als „Brücke zur Freundschaft“ bezeichnet, diese Aussage sogleich wieder relativiert, indem er die meisten Fans als Menschen beschreibt, die er gar nicht kennt, die seine Musik aber gerne hören, die seine Schallplatten kaufen, zu seinen Konzerten kommen, sich für seine Person interessieren und seine Auftritte im Fernsehen verfolgen. (vgl. Jürgens 1994, S.217)
Diese aus so unterschiedlichen Motiven Kontakt suchenden Menschen seien es jedoch, denen er sein Erfolg verdanke. (vgl. ebd.)
Musiker fühlten sich letztlich nur „ihrer in Töne gegossenen Wahrheit, Träumerei oder Illusion verantwortlich“, eben nur ihrer Arbeit. Ihrem Sein werde mitunter jedoch mehr Dramaturgie zugeteilt und auf vieles mehr geachtet, wodurch man (gemeint sind die Fans) ihnen oft gar nicht gerecht werde, da jeder Künstler auch nur Mensch sei, mit Fehlern, mit privaten Tragödien, mit privaten Höhepunkten. (ebd.) Den Begriff des Stars versucht Jürgens auf diese Weise zu relativieren. Somit bezeichnet er die Liebe der Fans zu ihrem Star, die ihm ja eigentlich fremd sind, als eine „Fatal attraction“. Diese Liebe könne mitunter sogar in beängstigende Hysterie ausarten, vorwiegend bei weiblichen Fans:
"Bei der Premiere von ‚Helden, Helden‘ in Wien beispielsweise hat sich ein Mädchen vor mein Auto geworfen und allen Ernstes schreiend gefordert: ‚Bitte, überfahr‘ mich!“ (ebd., S.220)

Nichtsdestotrotz sei er aber für jeden auf seine Figur fixierten Fan dankbar, der mit ihm durch alle Täler und über alle Berge gewandert sei, mit ihm gelitten, sich mit ihm gefreut habe und gedanklich bei seiner Musik geblieben sei. (vgl. ebd., S.219) Seinem in den Medien kursierenden Image gemäß betont er besonders diejenigen Fans, die ihn besonders berührten:
"Auch damals schon, in den sechziger Jahren, hatte ich sehr oft sehr leidenschaftliche Fans in meinen Konzerten; Frauen und junge Mädchen, die mit glühenden Augen und roten Wangen an der Bühnenrampe standen, mir die Hand reichten – und so manche habe ich später auch persönlich kennen gelernt. In einigen Fällen traf man sich sogar immer wieder.“ (ebd., S. 221)
„Ich sehe mich in meinem weißen Bademantel auf irgendeiner Bühne sitzen, vor mir wunderschöne Mädchen, von denen ich eines, vielleicht waren es manchmal auch zwei, mit in mein Hotelzimmer nahm.“ (ebd., S.16)

Und wieder einmal mehr erweckt Jürgens hiermit in seinen Fans neue Hoffnungen, nicht zuletzt auch dadurch, dass er an ihn adressierte Briefe verschiedener Fans abdrucken ließ, die durch ihre Betonung der Natürlichkeit, des Niveaus und des musikalisches Könnens des Sängers, durch Vertrauen, Schutz, Neid und Liebe Udo Jürgens gegenüber in ihrer Aufrichtigkeit bestechen, teils auch zum Schmunzeln anregen. Und schließlich berühren ihn die Momente zwischen Publikum und Künstler, in denen er selbst den Werdegang verschiedener Menschen mitverfolgen und diese während seiner Konzerte wieder treffen konnte. Udo Jürgens scheint am Leben seiner Fans genauso interessiert zu sein wie die Fans an seinem, indem er behauptet, zumindest einen Großteil der Fanpost durchzulesen und gegebenenfalls sogar zu beantworten.

Jeder Künstler sei für sein Produkt selbst verantwortlich, so Jürgens, und so könne es mitunter vorkommen, dass man den Geschmack des Publikums nicht treffe, da ein Lied entweder zu einem falschen Zeitpunkt erscheine oder vom Niveau her das Publikum überfordere. Das Publikum erwarte manchmal anderes von ihm, woraus er die Schlüsse zieht, das der Künstler für seinen Erfolg ganz allein verantwortlich sei. Hierbei hat er natürlich bewusst darauf verzichtet, sämtliche Promotionstrategien zu erwähnen, die sich um eine positive Resonanz eines Liedes bemühen. Denn kein Sänger würde mit einem Lied vor ein festes Publikum treten, ohne Teilverluste zu riskieren. Jürgens habe seinem Wortlaut zufolge heute ein anderes Publikum als in den sechziger Jahren. Viele seine ehemaligen Fans hätten sich von ihm abgewandt, da sie ihre Gefühle von damals nicht mehr verstünden, er sich zu sehr an der Masse orientiert habe und zu schmalzig gewesen sei. Neue Fans dagegen seien hinzugekommen, die seinen Imagewandel bemerkt hätten, überwiegend vor allem seit Anfang der achtziger Jahre, als seine Lieder eindeutiger und differenzierter geworden seien. (vgl. Jürgens 1994, S.219) Dem neuen, jungen Publikum gegenüber habe Jürgens eine besondere Verpflichtung, es nämlich immer wieder neu zu entdecken, herauszufordern und sich in Worten und Tönen an sie zu wenden. (vgl. ebd., S.219)
"‚Alles, wirklich alles, habe ich gegeben und unendlich viel mehr zurückbekommen.“ (ebd., S.29)

Auf seiner letzten Tournee „Mit 66 Jahren...“ präsentierte Jürgens das Eingangslied Was wichtig ist allein an einem mitten im Publikum platzierten Flügel, um dadurch nach Eigenaussage seine Verbundenheit zu seinem Publikum zu demonstrieren. In dem am 14. Oktober im ZDF ausgestrahlten Konzertmitschnitt der Tournee „Mit 66 Jahren...“ sagte Jürgens in einem Interviewausschnitt, dass er seine Texte „extrem auswendig“ lerne und keinen Teleprompter benutze, um nicht den Blickkontakt zu seinen Fans zu verlieren. Auf die Frage eines ‚Stern‘-Reporters, was stärker als die Verführung mit Klavier oder Gesang sei, antwortete Jürgens entsprechend: „Manchmal ein Blick.“ (Roos in: Stern 40/2000, S.272)

 


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