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1.2 Die
Fans
In folgendem Kapitel sollen die Schlagerfans und ihre Eigenschaften
näher charakterisiert werden. Entscheidend ist dabei der Gebrauch
des Schlagergutes im sozialen Umfeld der Fans. Nach Aussagen des
Stars Udo Jürgens über seine Fans, die vorwiegend aus dem von ihm
verfassten Buch „...unterm Smoking Gänsehaut“ stammen, werden
wesentliche Aussagen von zwei Fans hinsichtlich der Bedeutung ihres
Fanseins und der Beurteilung ihres Stars hinzugezogen. In dieses
Kapitel werden darüber hinaus die Ergebnisse aus dem Fragebogen mit
einbezogen, um zu prüfen, inwieweit die Äußerungen der beiden
Fallbeispiele mit den Aussagen der Befragten aus dem Fragebogen
übereinstimmen. Die Interpretation der Ergebnisse sowie die daraus
resultierende Anwendbarkeit der in Kapitel 2 beschriebenen Theorien
zu ‚Star‘ und ‚Fan‘ in Bezug auf Udo Jürgens erfolgt im
abschließenden 4. Kapitel.
1.2.1 Der deutsche Schlager und seine Fans
Inhaltlich werden die Schlagertexte möglichst allgemein gehalten, um
einerseits eine breite Masse von Hörern anzusprechen, andererseits
aber dem Individuum das Gefühl zu vermitteln, persönlich
angesprochen zu werden und sich mit dem Schlager zu identifizieren.
Der Schlager entführe den Hörer in eine realitätsferne Welt, indem
er ihm einige Reizworte gebe, von denen aus sich der Hörer in den
Schlager ‚einschwingen‘ könne. Ein Großteil der Schlager sind
Liebeslieder, sie sind der zentrale Aspekt des Gebrauchs von
Popmusik. Die Rezipienten brauchen sie, weil sie ihren Gefühlen ohne
irgendeine Peinlichkeit Form und Stimme geben können. In vielen
Fällen entlasse der Schlager am Ende des Textes den Hörer wieder in
die Realität, um den Bedarf nach sich selbst zu wecken. Er
verspreche, das Paradies, das er in die Ferne gelegt habe, selbst zu
sein oder wieder dorthin entführen zu können. So würden sich die
meisten Schlagertexte als Eigenreklame ausweisen, und die
Märchenschlösser und paradiesischen Gefilde, die der Sänger
stilisiere, würden sich am Ende einer Platte wieder auflösen. Die
Schlager würden dann den Hörer in der Einsamkeit und Alltäglichkeit
zurücklassen, aus der sie immer wieder versprächen, den Menschen
herauszureißen. Er müsse nur bereit sein, weitere Schlagerplatten
mit neuen Träume zu kaufen. (vgl. Busse 1976, S.86) Ein weiblicher
Fan beschreibt an ihrer eigenen Person dieses Erlebnis:
„Meine Udo-Begeisterung wird immer wieder durch das Anhören der
LP‘s angespornt und mein Empfinden neu gereizt. [...] Und nach den
ersten Takten der Eröffnung, das so genannte Opening, ist die
Begeisterung wie elektrische Impulse in meinem Körper zu spüren.
[...] Ich sitze und lausche der Musik, und alle Gedanken, die ich
habe, gelten diesem Musiker und Künstler.“ (Vogt 1994, S.27)
Der Besitz des angepriesenen Produktes schließlich garantiert die
Identifikation, zumal der Käufer den Star gewissermaßen zu sich nach
Hause holt. Das Radio und die gekauften Schallplatten ermöglichen
dem Hörer in der Phantasie „ungestörten Genuß der durch die Musik
erregten Lust“. Die Selbstaussage eine Mädchens über Udo Jürgens
bestätigt dies:
"Ich könnte wahnsinnig werden, wenn ich allein seine Stimme höre.
Manchmal, wenn ich abends im Bett liege, liegt er in Gedanken neben
mir. Ich träume davon, dass seine Hand meine ist, wenn ich mich
streichle.“ (zit. nach Busse 1976, S.29)
Dieser musikalische Anreiz versetzt den Hörer in eine Stimulanz, die
sich nach Verklingen der Musik in Form der Erinnerung „an eine
selbstvergessene körperliche Erregung und das unspezifische Begehren
nach sexueller Lust“ fortsetzt. Die Schlagertexte befriedigen den
Hörer durch immer erneute Schilderung einer körperlichen Nähe und
einem dadurch neu erweckten Verlangen. (vgl. ebd., S.30) Der Star
muss „Einmaligkeit“ und „Merkmale der Perfektion“ ausstrahlen, die
dem Konsumenten zwar fehlen, nach denen er sich allerdings sehnt.
Damit diese Merkmale aber nicht unerreichbar erscheinen, wird dem
Käufer durch die Werbung immer wieder suggeriert, dass der Star auch
nur ein ‚Mensch mit Schwächen‘ sei. So behauptete seine Mutter von
Udo Jürgens, dass man merke, da komme ein ganz besonderer Mensch,
wenn er ein Zimmer betrete. Er habe nichts „enthemmt Bohemienhaftes“,
im Gegenteil: Seine Mähne lasse auf viel Herz, Zärtlichkeit und
Gefühl schließen, was sichtbar werde, da Udo ein liebender und
„übermütig herumtollender Vater“ sei. Besonders herausgestellt
würden auch hausbackene Bürgertugenden: Seine Frau sage über ihn,
daß er ein sehr bescheidener häuslicher Mensch sei, der immer alles
esse, was auf den Tisch komme und sich beim Hundekauf als Herr im
Hause zeige. (vgl. Busse 1976, S.19) Und Jürgens bestätigt:
„Auch ich bin natürlich viel bei Tag tätig, als Nomade der Musik,
als Mensch, der Alltagskost zum täglichen Überleben braucht, der
Alltägliches wie Nahrungsmittel und Kleidung, Wohnung und Technik,
auch Geld, tagsüber kauft, nutzt und bezieht.“ (Jürgens 1994,
S.237)
„[So wird] der Sänger [durch Betonung des Alltäglichen und
Gewöhnlichen] einer der ihren auf einer höheren Stufe.“ (Busse 1976,
S.27)
Eine Umfrage des ‚Allensbach-Institut‘ von 1980 ergab, dass deutsche
Schlager vor deutscher Volksmusik auf Platz eins der
Beliebtheitsskala der Befragten steht. 36,1% von ihnen hören
Schlager ‚besonders gern‘, 37,2% ‚auch noch gern‘. Frauen hören
lieber Schlager als Männer, die Altersgruppe der zwischen 45-59
Jahre alten Hörer stellt das größte Kontingent der Konsumenten.
Personen mit Volksschulabschluss sind in der doppelten Zahl
vertreten gegenüber Personen mit höherer Schulbildung,
dementsprechend favorisieren Angehörige der unteren Mittelschicht
und Unterschicht Schlagermusik in besonderem Maße, was daran liegen
mag, dass der Schlager als ‚Paradigma des Trivialen‘ schlechthin
gilt [5].
Die Mehrzahl hört zwischen 4 und 14 Stunden Musik pro Woche, wobei
das emotionale Hören überwiegt. So werden Träume, Erinnerungen,
Trost, Beruhigung, Vergessen, Entspannung von der Musik erwartet und
durch das Musikhören erzielt, weshalb viele Schlager auf diese
Bedürfnisse zugeschnitten sind. (vgl. Kleinen 1985, S.46)
Das Durchschnittsalter der Befragten in dem vom Autor erstellten
Fragebogen beträgt 35,5 Jahre, wobei der Jüngste 18 und der Älteste
57 Jahre alt ist. 1/3 der Befragten sind bis zu 30 Jahre, weitere
1/3 zwischen 31 und 40, sowie ein weiteres Drittel über 40 Jahre
alt. Das Durchschnittsalter der Männer liegt um 2,7 Jahre höher als
das der Frauen, ist statistisch aber irrelevant. 70,7% der Befragten
sind zwischen 18 und 40 Jahre alt. Das Geschlechterverhältnis der
Befragten ist statistisch ebenfalls nicht relevant. (57,3% sind
männlichen, 42,7% weiblichen Geschlechts. Ein hoher Frauenanteil
unter den Jürgens-Fans ist vor allem in den Konzerten zu beobachten.
Die männlichen Fans beschäftigen sich dagegen wahrscheinlich
intensiver mit dem Star Udo Jürgens und seinem Werk.)
24% der Befragten sind Akademiker, 60% der Befragten haben eine
Ausbildung absolviert.
In der oben angesprochenen Umfrage rangierte Udo Jürgens als
bekanntester Schlagersänger auf Platz eins der Popularitätsskala.
(vgl. Kleinen 1985, S.47) Die Auswirkungen seiner Musik kann er an
sich selbst erfahren:
„In meinen eigenen Konzerten bin ich oft von den Gefühlen und
Inhalten der Texte weggetragen worden. Die melodische und
harmonische Kraft der Musik verstärkt natürlich die Wirkung,
vielleicht stärker, als es ihr zusteht. [...] In meinem Liedern gibt
es immer wieder Stellen, die ‚Gänsehaut-gefährlich‘ sind, und ich
bin der erste, der darauf reinfällt. [...] In diesen Sekunden
empfinden wir [...] eine ungeheure Dankbarkeit dafür, daß wir diesen
Beruf haben. Einen Beruf, in dem wir Gefühle ansprechen und zum
Klingen bringen können – Gefühle, die wir selbst erleben.“ (Jürgens
1994, S.11)
In den meisten Schlagern sind Sprichwörter und Redensarten
enthalten, die für Aussagen und weit dehnbare Sachen stehen und
somit jedem bekannt vorkommen. Schlagertexte von damals und auch
heute verstehen sich häufig als indirekte Lebenshilfe mit
seelsorgerischer Funktion für den Hörer oder Konsumenten und werden
von diesem oftmals auch so rezipiert. Die Schlager ihrer Zeit
bestätigten allerdings nur die oft unabänderlichen bestehenden
Probleme, ohne dem Hörer irgendeine Möglichkeit des Auswegs aus
jedweder Situation zu nennen. Der Konsument wird indirekt
aufgefordert, bestehende Verhältnisse zu akzeptieren, wodurch ihm in
keiner Weise Trost in seiner Einsamkeit zukommen kann, zumal der
Schlager obendrein Dinge schildert, die für den normalen Konsumenten
unrealistisch und unerreichbar sind. Titel wie Ach, das könnte schön
sein, Liebeskummer lohnt sich nicht oder Es wird ja alles wieder gut
belegen diese Methodik der Musikindustrie, weshalb die Themenkreise
im Schlager wie Liebe, Heimat, Sehnsucht, Ferne etc. fast nie
verändert wurden. (vgl. Schulz 1994, S.60)
Die Kritik, die immer wieder an vielen Schlagern geübt wurde und
auch immer noch geübt wird, sind die oftmals klischeehaft und banal
verwendeten Texte, denen eben jeglicher Realitätsbezug fehlt. Der
Schlager ist eine musikalisch zum größten Teil genormte Massenware,
die lediglich auf Quantität ausgerichtet ist. Insofern lässt die
aufwendige technische Produktion kaum mehr Rückschlüsse auf echte
Leistungen der Sänger zu, die sich und ihre Songs immer öfter im
Playback-Verfahren präsentieren müssen.
[5] Die gängigen Negativa
des Schlagerstereotyps (sentimental, dilettantisch, oberflächlich,
trivial) würden daher in der Unterschicht nicht so stark betont,
dafür gelte er hier als munter, froh, lebhaft und bisweilen auch
spontan. (vgl. Kleinen 1985, S.50) |