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1.1.6 „Mit 66 Jahren...“ oder wie man
das Image als Schlagersänger nicht mehr los wird
Udo Jürgens schrieb 1994 über das ihn thematisch einholende Lied:
„Als ich das Lied ‚Mit 66 Jahren...‘ schrieb, war ich noch lange
nicht so alt. Ich schrieb das Lied für die nächste, fast für die
übernächste Generation. Es lag mir am Herzen, den Menschen zu sagen,
dass jede Phase des Lebens eine wichtige ist. Für mich war das ja
alles noch so unendlich weit entfernt. Das war in den siebziger
Jahren. Jetzt rücke ich [...] selbst in das Alter nach. Mein eigenes
Lied wird aktuell für mich – und alles, was in diesem Lied
angesprochen wird: zwischenmenschliche Beziehungen, Lust am Leben,
Ängste davor, ins Abseits gestellt zu werden: Alter wird langsam
aktuell für mich.“ (Jürgens 1994, S.259)
Doch er sieht die Zukunft für sich und seine Musik alles andere als
negativ, denn er muss niemanden mehr etwas beweisen. (vgl. Roos in:
Stern 40/2000, S.275)
Die Neunziger sind Jürgens zufolge die Jahre, in denen die Jugend
eine Gegenbewegung zur technologisierten Musik des Technos auslöste
und sich wieder auf ‚handgemachte Musik‘ festlegen wollte. Nie zuvor
hätten Menschen so viele Instrumente gekauft wie heute (diese
Aussage Jürgens bezieht sich auf das Jahr 1994). Daraus resultierend
erklärt sich Jürgens u. a. die Renaissance seiner alten
Schlagermusik wie Aber bitte mit Sahne. Jürgens Annahme dürfte sich
aber lediglich auf einen geringen Teil der heutigen Jugend beziehen.
Der weitaus größere Teil nämlich hört schlicht aufwendig produzierte
Pop- und Rockmusik und vor allem Techno und Hip-Hop. Seine Musik
füllt dagegen eine kleine kulturelle Nische, die hauptsächlich von
Publikum fortgeschrittenen Alters bevorzugt wird.
Als erfreulich empfindet Jürgens, dass die sehr technische Musik,
die die Diskotheken beherrsche, die Konzertsäle noch nicht erobern
konnte. Denn dort würden immer noch die verlässlichen Namen nach dem
Motto ‚Je älter, desto besser‘ zählen, dort höre das Publikum heute
mehr denn je handgemachte Musik. (vgl. Jürgens 1994, S.246f.) Obwohl
seine Musik ebenfalls technisch aufwendig produziert wurde und wird,
ist Jürgens die Tatsache wichtig, dass seine Musik immer noch
handgemacht ist und sich dadurch im übrigen von der restlichen
Schlagerwelt abhebt, womit auch seine Auftritte in klassischen
Konzertsälen gerechtfertigt sind:
„Auch ich möchte meine nächste Platte vom Klavier aus gemeinsam
mit nur wenigen Musikern einspielen, mehr Klavier als früher. Und
ich möchte richtig vom Klavier weg singen, wie ich es auf der Bühne
tue. Also eher wieder etwas natürlichere Methoden anwenden, als in
den letzten Jahren gang und gäbe war. So werde ich meine schöne
altmodische Art, Songs zu schreiben, am Klavier sitzend, mir Themen
überlegend, mit den Textern diskutierend, Inhalte zusammenbastelnd,
auch in Zukunft beibehalten.“ (ebd., S.247)
Das Publikum der letzten Tournee „Mit 66 Jahren – live 2001“
zeichnete sich nach Aussagen von Dominik Beckmann, dem Redakteur des
‚Udo Jürgens Live Informationsmagazins‘, durch besonders junge
Zuhörer und Zuhörerinnen aus. Das liegt nicht nur an einer
kollektiven rauschhaften Begeisterung innerhalb des Konzertes,
sondern vor allem an der Einfachheit seiner Lieder – einer allzu
häufigen Mischung aus Banalitäten und Halbwahrheiten. Er denke und
empfinde Hunold zufolge wie ein pubertierender Jugendlicher und
schafft dadurch Wiedererkennungsmerkmale. Mit diesen Liedern
lokalisiere er bestimmte (mitunter sexuelle) Empfindungen und
Problemthemen der Jugendlichen. Durch das Besingen von Heimat,
Stille und Blumen schaffe er eine für die Jugend wünschenswerte
Idealwelt. Gleichzeitig würden viele seiner Lieder – vor allem die
älteren Hits – den Jugendlichen ein Ventil bieten, Aggressionen,
Frust oder Lust abzulassen und zu kanalisieren. (vgl. Hunold 1971,
S.146)
Jürgens habe keine Probleme damit, den Forderungen der Fans
nachzukommen und vor allem immer wieder seine alten Hits zu spielen,
die er aufgrund der ihm entgegengebrachten Begeisterung gerne
darbietet. Ein Großteil dieser Hits wird im so genannten
‚Bademantel-Finale‘ – Udo Jürgens erscheint zu den Zugaben stets im
weißen Bademantel gekleidet und präsentiert seine Lieder allein am
Klavier – in Form von Medleys dargeboten. Dieses zum Ritual
stilisierte Verfahren wird von den Fans ausdrücklich erwartet und
erhält den Charakter einer Kult-Veranstaltung. Diesbezüglich äußert
Jürgens übrigens ganz eindeutig, dass er sein Publikum nicht belügen
und die alten Titel aus seinem Repertoire streichen würde, wenn sie
ihm nicht mehr gefielen. (ZDF-Konzertmitschnitt am 14.10.2001)
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