|
1.1.5 Medienvermittelte Images im Wandel
der Zeit
Im Rahmen meiner Recherchen erwies es sich als schwierig, an
Pressematerial aus den 60er und 70er Jahren heranzukommen, das sich
mit Udo Jürgens beschäftigte. Deshalb werde ich mich im Folgenden
auf das Lied Lieb Vaterland von 1971 beschränken, das erstmals in
der deutschen Schlagergeschichte heftige Kontroversen auslöste. Der
damalige Manager Beierlein verfolgte damit in erster Linie eine neue
Imagestrategie.
1.1.5.1 Imagewandel und Medienreaktionen Ende der 60er Jahre
Die politischen Entwicklungen in Deutschland, gekennzeichnet durch
Studentenrevolten und massive Proteste gegen den Vietnamkrieg der
USA, sowie die Vormachtstellung des Beat und Rock’n‘ Roll in der
Musik führte in der Musikindustrie dazu, Interpreten mit einem
gepflegten und sauberen Image zur Beruhigung der Konsumenten u. a.
aus der Elterngeneration auf den Markt zu bringen.
Die 50er Jahre waren die des Aus- und Aufbruchs. Die Erinnerungen an
die schwierige politische Vergangenheit wurde mit zuckersüßen
Schnulzen übersungen. Jürgens schreibt diesbezüglich:
"Wir alle – von Peter Alexander bis Freddy Quinn – machten da mit.
Der eine gern, der andere mit Bauchschmerzen, so wie ich. Daher
hatte ich auch keinen Erfolg, meine Bauchschmerzen konnte man hören.
Immerhin: Gerade in der Beschäftigung mit diesen Liedern lernte ich
immer genauer, was ich musikalisch als eigenen Weg gehen wollte –
und was nicht.“ (Jürgens 1994, S.39)
Seine Kündigung bei Polydor 1964 erklärt Udo
Jürgens folgendermaßen: Weil er damals aufgrund finanzieller
Engpässe gezwungen gewesen sei , Lieder zu singen, an die er nicht
glaubte, habe er das „kritische Publikum“ nicht angesprochen. Und
Beierlein äußerte, dass er bei Udo sofort wusste, dass dieser mehr
konnte, als er zeigen durfte.
Die frühen Erfolge Jürgens gingen auf eher gemäßigte, dem
Schlagermaßstab angepasste Lieder zurück. So wurde in den Medien
lediglich über Jürgens Erfolgswelle und kleinere Stories aus seinem
Privatleben, z.B. über die Ehe und Streitereien mit Frau Panja sowie
über diverse Affären und Alkoholexzesse, berichtet.
Der politische Protest der Gesellschaft gegen den Einsatz Amerikas
in Vietnam drückte sich ab Mitte der 60er Jahre auch musikalisch
aus. Zu bekannten Liedern wurden neue Texte geschrieben, viele
Lieder richteten sich gegen Krieg und Zerstörung, gegen
Rassendiskriminierung und Unterdrückung. Schließlich regte
„die nordamerikanische Folk- und Protestsong-Bewegung [...] weltweit
zu eigenen Entdeckungen vergessener musikalischer Traditionen und
Ausdrucksweisen an. Mit dem Volks- wurde das politische Lied, wurden
Minnesang und Chanson wieder belebt und erneuert.“ (Sperr 1978,
S.237)
Liedermachern wie Reinhard Mey oder Franz Josef Degenhardt gelang
mit sozialkritischen und politischen Liedern der Durchbruch, die
Umsatzzahlen entsprechender Titel stiegen an. Die kritischen Inhalte
der Liedermacher animierte vor allem die Schlagerproduzenten.
Politisch hätte man Jürgens zu Beginn seiner Karriere nicht ernst
genommen, denn trotzdem er ein Teenagerstar und das Idol der Jugend
gewesen sei, sei er dafür paradoxerweise zu alt gewesen. Er zählte
sich damals nicht zu den Revolutionären, sondern zu den Angepassten,
weshalb auch seine Fans eine gesellschaftskonforme Haltung vertreten
hätten:
„Ich hatte und habe als Publikum nicht die, die sagen: ‚Schafft die
Gesellschaft ab, zerstört den Staat!‘ Ich hatte und habe als
Publikum eher jene, die sagen: ‚Schafft mehr Demokratie, baut den
Staat menschlich!‘ Unpolitisch aber war ich deshalb nicht. Die
ersten Signale, die zu unglaublichem Wirbel geführt haben, gab ich
ja schon sehr früh. Doch mein Publikum war keineswegs verstört! Es
hat schnell begriffen, daß da einer mit Liedern wie Lieb Vaterland
nicht nur vom schönen Leben kündet, in dem alles lustig und
schlagerselig ist, sondern das Nachdenken als Bürgerpflicht ernst
nimmt. Solche Lieder gegen das Schweigen, gegen den Größenwahn gab
es immer wieder in meinem Leben.“ (Jürgens 1994, S.262)
1966 erschienen die ersten Berichte über den bis dahin nur im
Ausland als Komponist erfolgreichen Sänger in ‚Der Spiegel‘:
„Nun hat auch unser Sprachraum ein Export-Idol. [...] Seiner Musik
wohnen Führungsqualitäten selbst für angelsächsische Hitparaden
inne. Seine Stimme kann der Echo-Anlage entraten. Seine Texte sind
von vergleichsweise geringer Verlogenheit, ohne sich deshalb zu
literarischen Ansprüchen zu versteigern [...]. Ein deutschsprachiger
Schlagermacher und –interpret dazu, der auch im Ausland reüssiert,
ist etwas so Seltenes. [...] die ‚entsetzlichsten Sachen‘ habe er
singen, jeder Schlager-Verirrung mitmachen müssen: vom ‚Traurigen
Seemann à la Freddy‘ über die ‚Elvis-Presley-Masche‘ bis zur
Cowboy-Ballade ‚Die Bank von Santa Fé‘. Was er der Polydor an
Eigenem anbot, wurde mit dem Bemerken ‚zu anspruchsvoll für
Deutschland‘ oder ‚rausgeschmissenes Geld‘ abgetan. [...] Verbissen
schuf er Lied um Lied für fremde Kehlen. [...] Heute, nach
Hervorbringung der Erfolgsweise „Siebzehn Jahr, blondes Haar“,
wertet Jürgens einen Verkauf von nur 100.000 Platten je Titel als
‚Achtungserfolg.“ (Morlock in: Der Spiegel 12/1966, S.157)
Am 15.10.1969 schrieb der Journalist Baldur Bockhoff in der
‚Süddeutschen Zeitung‘ unter dem Titel ‚UUUDOOH – Märchentante des
Kapitalismus. Eine Konzertkritik‘:
„[...] Udo ist schon vor dem Auftritt, was seine Manager aus ihm
gemacht haben: der Konsum-Udo. So erscheint er, im schwarzen Frack,
mir roter Blume im Knopfloch, verspieltem Spitzenhemdchen und schier
unendlich langen Beinen. [...] Daß wir „in dieser Welt Freunde sein
wollen“, wer möchte es bezweifeln? Denn diese Welt setzt sich
zusammen aus triefenden Auflösungen, einer idiotensicheren
Sequenztechnik, die offensichtlich für musikalische Einfälle
gehalten werden. [...] Im Ernst: Udos Späße sind böse Späße. Da
spricht die kapitalistische Märchentante das Wort zum Feierabend:
Wenn ihr arm seid, tröstet euch. Auch wir Reichen können schließlich
nicht alles kaufen – keine Sterne, Freundschaft, nicht den Mond, die
Sonne. [...] der liebe Gott erhält zwar einen Riesenapplaus, doch
wenn Uuuudoh von Sternennacht, Sonnenball und Meer singt, meint und
suggeriert er in Wirklichkeit schick kaschierte Abhängigkeit,
Unterdrückung, Ohnmacht [...] Dieses Programm ist verteufelt auf
Entmündigung und Schwachsinn getrimmt.“ (zit. nach Jürgens 1994,
S.294ff.)
Ende der 60er Jahre wurde Udo Jürgens aus Überlegungen des
Managements, die mit ähnlichen Kritiken zu tun hatten, immer
häufiger in Zusammenhang mit politischen Größen gebracht. Dem Star
sollte ähnlich wie in Nordamerika politische Aufgeschlossenheit
beigemengt und die Politiker von der Scheu den Schlagerstars
gegenüber befreit werden. Für beide Seiten ergaben sich dadurch
Vorteile. Zustande gebracht hat die Versöhnung von Pop und Politik
der Münchner Public-Relations-Berater Alfred H. Jacob. Dieser
leitete u. a. ein Treffen in die Wege, indem
„der Kanzler der großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger, [im Juli
1969] mit Udo Jürgens zum ersten Mal einen populären Künstler für
sein Gartenfest [engagierte]. Udo Jürgens spielte sein übliches
Programm, anschließend plauderten er und seine Frau mit diversen
Politikern und dem Gastgeber.“ (Port le roi 1998, S.160)
Dazu schrieb ‚Der Spiegel‘ 1972 in einem Bericht über das
Udo-Jürgens-Management:
„Jeder Handschlag eines Bundesbonzen soll natürlich auch Udos
Verkäuflichkeit steigern.“ (Rumler in: Der Spiegel Nr. 46/1972,
S.208)
Die fälschliche Anzeige der ‚Zeit‘, Udo Jürgens habe mit Kiesinger
vierhändig Klavier gespielt, nahm das SED-Zentralorgan zum Anlass,
alle ideologischen Register zu ziehen:
„Seine Galavorstellung mit Kiesinger hat entlarvt, daß dieses
vierhändige Spiel keine heitere Muse, sondern ernster
psychologischer Krieg gegen das Volk Westdeutschlands ist, das unter
Sirenenklängen für die Partei des Monopolkapitals an die Wahlurne
gelockt werden soll.“
Politisch noch konkreter wurde die FDJ-Zeitung ‚Junge Welt‘:
„Wenn Udo Jürgens glaubt, daß er mit seinen Schlagern im Auftrag
des Herrn Kiesinger Bonns „neue Ostpolitik“ fördern und das
imperialistische Herrschaftssystem schmackhaft machen könnte, müssen
wir ihm mitteilen: Herr Jürgens, dann möchten wir ihre Schlager bei
uns nicht mehr hören.“ (zit. nach Port le roi 1998, S.160)
1970 trat Jürgens dann beim neuen Kanzlerehepaar Brandt auf, und die
Berliner ‚Abendpost‘ konstatierte:
„Kanzler kommen, Kanzler gehen, Udo Jürgens bleibt bestehen.“
(zit. nach ebd., S.161)
Dem Musikwissenschaftler Port le roi zufolge wäre Jürgens nicht der
Protagonist einer Partei, vielmehr stünde er sowohl bei Kiesinger
und bei Brandt für den Aufbruch und die Modernität seiner Zeit. Das
wiederum findet Port le roi in einer Umfrage des ‚Divo-Instituts für
Wirtschaftsforschung, Sozialforschung und angewandte Mathematik‘
1969 für die Zeitschrift ‚Twen‘ bestätigt, in der Udo Jürgens noch
vor J. F. Kennedy und nach Mao Tse-Tung auf dem zweiten Platz der
Idole der Achtzehn- und Neunzehnjährigen lag. (vgl. ebd.)
Die Strategie Beierleins ging auf, denn bereits 1974 erklärte ‚Der
Spiegel‘ in einem Bericht, dass Bonn Deutschlands Schlagerinterpreten
politisch anerkannt habe:
„Mit der wachsenden Beliebtheit der Tonkunst soll nun auch das Image
von Politikern populär aufpoliert werden: Bonner Prominente
versichern sich zunehmend der Hilfe von Schlagerstars.“ (Der Spiegel
Nr. 16/1974, S.132)
Beierleins Überlegung zu seiner neuen Strategie war folgende:
„Wir haben versucht, und das ist ein Teil unserer Marktüberlegungen
gewesen, den Udo ein bisschen von dem abgenützten und abgegriffenen
Wort ‚Schlager‘ wegzuführen. Wir haben den Begriff ‚Chanson‘
einzuführen versucht, auch die Gefahr hin, dass das zu
Missverständnissen Anlass gibt. Denn was die Franzosen als Chanson
bezeichnen, ist nicht das, was wir als ein Chanson bezeichnen.
Kurzum, wir haben versucht, Udo von der Schlagerszenerie abzuheben.“
(zit. nach Litschka 1971, S.66)
Anfang der 70er Jahren erregte Jürgens darüber hinaus mit dem
absichtlich provokanten Lied Lieb Vaterland ein hohes
Medieninteresse. 1971 wurde zudem das Buch „Warum nur, warum“
veröffentlicht, was sich auch hinsichtlich dieser Thematik mit dem
Phänomen Udo Jürgens beschäftigt.
„Udo Jürgens, der erfolgreichste Schlagersänger dieser Zeit, löste
Anfang 1971 einen Streit aus, der in der Geschichte des Schlagers in
der Bundesrepublik Deutschland einmalig ist.“ (Port le roi 1998,
S.154)
Der von Eckhard Hachfeld verfasste Text zu Lieb Vaterland setzt sich
kritisch provokativ mit dem zeitgenössischen Deutschland
auseinander. Sowohl textlich als auch in Anlehnung an die Melodie
zitiert Lieb Vaterland die erste Zeile des von Max Schneckenburger
verfassten Gedichtes ‚Die Wacht am Rhein‘, das als Symbol in der
völkischen Bewegung und des Dritten Reiches auch für das Ausland
galt, wie eine Filmszene aus „Casablanca“ von 1942 belegt, in der in
einem ‚Sängerkrieg‘ die Wacht am Rhein, von deutschen Offizieren
gesungen, der von Widerstandskämpfern gesungenen Marseillaise
unterliegt.
Udo Jürgens artikulierte mit diesem Lied ein gesellschaftliches
Problembewusstsein und vergraulte damit Bardong et al. zufolge seine
konservative Anhängerschaft, ohne dafür von den linksintellektuellen
Meinungsführern als einer der ihren akzeptiert zu werden. (vgl.
Bardong et al. 1992, S.34) Wenn auch den Publizist Axel Eggebrecht
die überraschend aggressiven Texte von Udo Jürgens an die
Protestsongs engagierter linker Sänger erinnerten, so kritisierte
der konservative Schriftsteller Hans Habe Udo Jürgens
folgendermaßen:
"Udo Jürgens lasse ‚auch nichts aus, weder die Dollar-Lieschen
noch die Protest-Hippies. [...] An uns ist es, zwischen Rebellen aus
Überzeugung und Opportunisten zu unterscheiden. Zwischen Rebellen
mit und ohne Public Relations.“ ( zit. nach Port le roi 1998,
S.156)
Eine ähnlich vernichtende Kritik war in der ‚Welt‘ am 17.2.1971 zu
lesen:
„[...] Einige der [im Lied erwähnten] Zäune gehören Udo Jürgens.
Wenn sein politisches Lied nicht als garstig empfunden werden,
sondern Erfolg haben sollte, werden noch ein paar Zäune für ihn
hinzukommen. [...] Der Dank des Vaterlandes ist ihm genauso ungewiss
wie dem Vaterland der Dank des Sängers. Denn seine politischen
Hinweise sind leider weit weniger zuverlässig als seine
weit verbreitete Mitteilung, dass die Sonne ‚immer, immer wieder‘
aufgeht.“ (Jürgens 1994, S. 301f.)
In der Tat sei der Versuch, das Protestsegment der potentiellen
Plattenkäufer für den deutschen Schlager zurück zu gewinnen, den
Angaben des Managers Beierlein zufolge lediglich eine neue
PR-Strategie gewesen, denn bereits im Vorfeld sei der Text an
Journalisten und Meinungsmacher unter der Fragestellung, ob ein
Nutznießer der kapitalistischen Leistungsgesellschaft überhaupt das
Recht habe, Kritik an dieser Gesellschaft zu üben, mit der Bitte um
Stellungnahme verschickt worden. Obwohl sich sowohl der Manager
Beierlein als auch Sänger Udo Jürgens für sinnvollere Texte im
deutschen Schlager, die mitunter auch Sozial- und
Gesellschaftskritik üben, einsetzten, sollte dieser Vorstoß in das
Feld der Gesellschaftskritik nicht ein Imagewechsel Udo Jürgens hin
zu einem klassischen Protestsänger artikulieren, sondern lediglich
ein weiteres Schlagerthema erschließen. Demnach hätten die Kritiker
Udo Jürgens politisch nicht beim Wort nehmen müssen. Diese
Behauptung unterstützte Beierlein mit der Aussage:
"Wenn es einigermaßen hinhaut, machen wir weiter und ziehen die
Schraube noch ein bisschen an.“ (zit. nach Port le roi 1998, S.157)
Monika Sperr zufolge
"entwickelte sich der umschwärmte Liebestroubadour immer mehr zum
ersten Protestler an der Schlagerfront, da mit Protest nicht nur Lob
und Tadel, also Publicity einzuheimsen, sondern auch viel zu
verdienen war.“ (Sperr 1978, S.238)
Doch der geschäftstüchtige Beierlein gelangte mit solchen
Änderungen, die er in der Branche propagierte, in große Bedrängnis,
da
"eine eingefleischte Schlagergemeinde von einem Idol abfallen
kann, wenn er sich von den Klischeevorstellungen zu weit entfernt“. (Busse
1976, S.25)
Port le roi konstatiert, dass
„Udo Jürgens [...] an der Attitüde des Protestsängers [scheiterte],
die ihm das Publikum nicht abnahm.“ Sein Stil hätte er Mitte der
siebziger Jahre mit Titeln wie Ein ehrenwertes Haus, der sich gegen
die Spießbürgerheuchelei richtet, oder Mit 66 Jahren, worin er sich
der Rentner annimmt, gefunden, gesellschaftliche Probleme
nachdenklich, aber humorvoll anzugehen.“ (vgl. Port le roi 1998,
S.157)
Diese Quintessenz mag zutreffen, jedoch schrieb Udo Jürgens
weiterhin ähnliche Titel wie Lieb Vaterland, die ihm im übrigen ob
der Medienresonanz nicht unbeträchtliche Verkaufszahlen bescherten.
Und diese Lieder werden ihm glaubhaft abgenommen, wie im folgenden
Kapitel einige abgedruckte Zeitungsberichte belegen werden.
Neben den für den deutschen Schlager untypischen Liedern komponierte
Jürgens aber weiterhin der jeweiligen Zeit angepasste Lieder im
schlagertypischen Stil, die zwar nicht weniger kritisch waren,
jedoch längst nicht mehr für so großen Diskussionsstoff sorgten wie
Lieb Vaterland. (vgl. Kapitel 1).
|