1.1.5.2 Udo Jürgens in den Medien heute

Rückblickend saß Jürgens nach eigenen Angaben zufolge politisch stets zwischen den Stühlen. Die Rechten griffen ihn ebenso an wie die Linken, die aus der DDR genauso wie die aus der BRD. (vgl. Jürgens 1994, S.293) Seine Art der politischen Haltung beschreibt er mit dem ‚Prinzip Hoffnung‘, das seinen Liedern unterliegt, ihn glaubhafter macht, zumal seine Sprache klarer geworden sei. Er werde immer mutiger, kenne weniger Hemmungen, nehme weniger Rücksichten. Heute nenne er Probleme beim Namen, sei kritischer und lege mit Liedern wie Gehet hin und vermehret euch den Finger auch in schmerzende Wunden. Das mache ihm auch Feinde. Man müsse noch viel stärker all das anprangern, was die Zukunft dieses wunderbaren Planeten gefährde, und all das sagen, was unseren Globus überlebensfähig mache. (vgl. Jürgens 1994, S.263) Mit dem Lied "Gehet hin und vermehret euch" kritisiert er zwar die Haltung der Kirche gegenüber Verhütungsmethoden, hält sich aber an die Aussage des Liedes selbst am wenigsten, wie seine beiden unehelichen Kinder dokumentieren.

Stets bemühe er sich, vor allem die Zeit, in der er lebt – und sicherlich nicht zuletzt sich selbst – in den Mittelpunkt zu stellen und sich dabei als Zeitzeugen zu sehen. (vgl. ebd., S.10) Er habe nur das getan, was Politiker schon längst hätten tun müssen, würden sie wirklich nach ihrem Wissen handeln, wirklich Verantwortung übernehmen. (vgl. ebd., S.75) [4]

Seine Form der Politik sieht Jürgens im sozialen Engagement. So ist er Gründungsmitglied der Bewegung ‚Ökologischer Marshallplan‘ sowie der nach seinem Namen benannten Stiftung, die sich in erster Linie um verweiste Kinder kümmert.
Sicherlich nimmt Jürgens in seinen Äußerungen eine reaktionäre Grundposition ein, auch beinhalten viele seiner Lieder kritische Züge. Er kann den Politikern jedoch keinesfalls Handlungsunfähigkeit und Verantwortungslosigkeit vorwerfen, denn er selbst hätte ebenso kritischer in seinen Reflexion sein können. Er wählte im Vergleich zu den politisch aktiven Liedermachern den gemässigteren Weg, der größere Popularität und somit höhere Wirtschaftlichkeit versprach. Die Sprache der Liedermacher ist bisweilen ernst, manchmal komisch, übt in ihrer oftmals zynischen Art gleichwohl stets Kritik an real bestehenden politischen und sozialen Verhältnissen. Liedermacher stehen in der alten Tradition des literarischen Kabaretts oder des Arbeiterliedes, des Chansons, des amerikanischen Protestsongs oder Berthold Brechts, die sie im Zuge der Studentenbewegungen Ende der 60er Jahre wieder belebt haben. Stets rieben sie sich mit ihren linkspolitischen Attitüden am konservativen Umfeld ihrer Zeit. Jürgens gehörte damals hingegen, wie er übrigens selbst gestand, einer anderen Generation an und wuchs in einem gänzlich anderen Umfeld auf. Seine musikalischen Anfänge und die späteren Erfolge waren Schlager, die nur bedingt Kritik übten – u. a. das Lied Ein ehrenwertes Haus. Er vertrat nur selten eine feste Position und bot nur bedingt Lösungsansätze zu den Problemfeldern, die er inhaltlich umriss. Ein Lied wie Lieb Vaterland, das an bestehenden politischen Verhältnissen Kritik übte, erregte nur deshalb soviel Aufsehen, weil es von einem Schlagersänger vorgetragen wurde, der unglaubhaft wirkte, da seine Person mehr im Vordergrund zu stehen schien als sein Werk, und eigentlich nur von jener Zeitströmung profitieren wollte. Die kritischen Züge in seinen Liedern ermöglichten Jürgens die Erweiterung seines inhaltlichen Spektrums und somit den Gewinn einer weiteren Zielgruppe. In konsequenter Inkonsequenz brachte er immer wieder ähnlich kritische Lieder hervor, die er zwar nachdenklich, aber humorvoll anging (vgl. hierzu die Aussage Port le rois auf S.67). Zwar würde der Schlager dem Musikwissenschaftler Häusermann zufolge auch kritische Züge beinhalten, diese würden jedoch nie speziell werden, da der Schlager unterhaltende Funktion habe und die Hörer dem Zusammensein mit dem Star durch das Hören einen wesentlich höheren Stellenwert beimessen als dem Text, so dass man „jede Aussage überhört“. Zum Hören eines anspruchsvollen Liedes seien die Schlagerhörer nicht fähig, da sie während des Vorganges nicht aktiv dabei seien. Würden wie im Fall Udo Jürgens dennoch kritische Untertöne angeschlagen, so bekämen sie eine andere, schwächere Bedeutung und wirkten zuweilen sogar heiter.

„Man kann mit Katastrophen unterhalten, man kann mit Kriegen Menschen trösten. Weil Schlager nie verwendet werden können, um etwas auszusagen, sondern nur um eine dieser Aufgaben zu erfüllen.“ (Häusermann 1978, S.71f.)

Die einzige Möglichkeit, um gezielt zu einer Aussage zu gelangen, sieht Häusermann nur in der „Verfremdung“, indem der Sänger nämlich sein Lied unterbricht und seine Aussage „in einem ruhigen Tonfall“ mitteilt. Nur wenigen Sängern gelänge der Spagat zwischen unterhaltender und gleichzeitig mitteilender Funktion ihrer Lieder.


Udo Jürgens ist heutzutage seltener in den Medien vertreten, um den Star ist es ein wenig ruhiger geworden.
Im Rundfunk werden seine alten Schlagererfolge zwar in dafür ausgewiesenen Programmen gespielt, viele neue Lieder, die ab den 80er Jahren komponiert wurden, sucht man jedoch vergebens, da sie stilistisch nicht eindeutig einem bestimmten Programm zugeordnet werden können.
Die Situation im Fernsehen ist vergleichbar: in unregelmäßigen Abständen ist Udo Jürgens heutzutage in diversen Geburtstags- oder Unterhaltungsshows anzutreffen, wie u. a. bei ‚Wetten, dass...‘, zum 60. Geburtstag von Freddy Quinn oder bei der Benefiz-Gala ‚Michael Jackson & Friends‘. Das ZDF strahlte eine eigens zu seinem 66. Geburtstag aufgenommene Show aus. Jedoch sind die heutigen Fernsehauftritte im Vergleich zu damals, wo Jürgens seine größten Erfolge im Schlagergeschäft feiern konnte und dadurch regelmäßig Gast in der ‚Hitparade‘ war, heute eher selten. Dass seine Fernsehauftritte dennoch wichtig für die Imagebildung der Fans sind, belegt folgende Aussage:
„Das Fernsehgerät ist ein wichtiger Vermittler zwischen meinem Bedürfnis an Udos Arbeit teilzuhaben und um meiner Fan-Neugierde Befriedigung zu verschaffen.“ (Vogt 1994, S.26)

Weniger seine Karriere als Sänger als vielmehr die vielen Geschichten über Liebschaften mit jungen Frauen kennzeichnen das Bild, das man von Udo Jürgens auch heute noch in den Medien hat:
"Der Typ ist doch seit Jahrzehnten hinter den Weibern her!‘ – ‚Der treibt‘s doch mit jeder!‘ – ‚Vor dem ist doch auch heute noch keine Siebzehnjährige sicher!“,

schreibt Jürgens in seiner Biographie. Damit greift er nicht nur das Medienbild auf, in dem die Texte seiner Songs wie Siebzehn Jahr, blondes Haar auf seine Person übertragen werden, sondern relativiert derartige Geschichten mit folgender Aussage:

"Bei den Lesern und Leserinnen, die auf viele ‚Bettszenen‘ gehofft haben, möchte ich mich daher entschuldigen: Ihre Hoffnung wird in diesem Buch kaum befriedigt werden. Mein Leben besteht, im Gegensatz zu den Vermutungen vieler Illustriertenschreiber, nicht allein aus solchen Geschichten. Weltweites Reisen, kreatives Schaffen öffnen den Blick für vieles mehr.“
(Jürgens 1994, S.73)

Die Frage eines Journalisten nach der in Kapitel 1.4 bereits erwähnten ‚Orgasmustheorie‘ macht Jürgens ärgerlich:
„Natürlich hat das sehr viel mit Orgasmus zu tun. Es ist eben das Schönste, was es gibt. Aber wenn ich jetzt dieses Wort in den Mund nehme, dann bleibt nur das von diesem Interview stehen. Und meine Tochter Jenny wird mich anrufen und sagen, Papa, warum redest du nie über was anderes!“ (Gätjen in: Hamburger Abendblatt vom 8./9.2000, Journal)

In seiner Wortwahl ist Jürgens vorsichtiger geworden, um den Journalisten keine erneute Schlagzeile zu liefern.

Wissenswert in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass der Manager Beierlein derartige Frauengeschichten bewusst forcierte, um diesem Thema die Brisanz nehmen. Wenn er beispielsweise Journalisten des ‚Spiegel‘ neueste Geschichten über Jürgens Affären verkaufte, konnte er die Inhalte nicht nur steuern, sondern kam damit anderen Journalisten zuvor. (vgl. Litschka, S.68f.)

Gleichzeitig spielt Jürgens aber auch mit seinem Image. So erzählt er während des Liedes Auf der Straße der Vergessenheit:
„Nein, ich meine das, was so auf Seite eins steht: die wichtigen Dinge. Welcher Prominente mit wem wieder ein Kind gezeugt hat. [...] Man glaubt gar nicht, was da alles so steht, nicht? Unfassbare Dinge. Selbst mein Freund Beckenbauer...also von mir hätte es ja jeder erwartet, aber von ihm?“ (Jürgens auf der CD „Mit 66 Jahren – live“. BMG Ariola München 2001)

Jürgens schreibt in Biographie ebenfalls darüber, wie er sich als Medienfigur fühlt:
„Wie man als Befragter ganz plötzlich als Gejagter, als Beute fühlen kann. Wie aus einem Gespräch ein Verhör wird. Und wie Dinge und Peinlichkeiten in die Welt hinausposaunt werden, die mit dem Menschen, der Auskunft über sich gab, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. [...] Die Tatsache, dass bekannte Namen einen größeren Unterhaltungswert haben, darf deren Träger nicht zu Freiwild machen. [...] Auch Prominente sollen ein Recht auf Privates haben. [...] Mensch und Medien: vielleicht die Unfähigkeit, zwischen Realität und Film zu unterscheiden? [...] Aber Sex in Zusammenhang mit bekannten Gesichtern ist wohl immer noch das beste Geschäft!“ (Jürgens 1994, S.145f.)
„Alle im Showbusiness stehen im Mediengeschirr, müssen klappern und laufen, um ihre Produkte zum Marschieren zu bringen.“ (ebd., S.133)
„Medien haben mich fast vierzig Jahre hindurch begleitet. Man hat mich auf meinem Weg kritisch, begeistert, ablehnend, lobend und anbiedernd beschrieben. Mal rauf aufs Denkmal, dann wieder runter. Mal ‚Gewissen der Nation‘, dann wieder ‚Volksverblöder‘. [...] Konträre Meinungen sind gut und wichtig! So gesehen verdanke ich der Presse viel. Unterm Strich gerechnet sehr viel! [...] Wer in der Öffentlichkeit steht und es genießt, das Licht auf sich zu ziehen (auch dank der Presse), der muß auch bereit sein, den Schatten zu akzeptieren, den das Licht nun einmal wirft.“ (ebd., S.145)

Sowohl positive als auch negative Kritiken sind nicht zuletzt wichtig, um den Künstler in den Medien präsent zu halten und ihn ständig zu einem Gesprächsthema zu machen. Beierlein mischte zwei Elemente zu seiner Verkaufsstrategie: 1. die ständig wiederholende Nennung des Namens von Udo Jürgens und 2. Das Prinzip des ‚name-droppings‘. Gerüchte um Udo Jürgens wurden diesbezüglich von Beierlein zugunsten des Stars modifiziert. Oder wie Peter Litschka es in den Worten Beierleins ausdrückte:
„Skandal ja, wenn er werbewirksam ist.“ (Litschka 1971, S.18)

Zusammenfassend kann man die damalige Strategie Beierleins als erfolgreich werten, denn sowohl die Medien als auch die Fans (was zu einem späteren Zeitpunkt überprüft werden soll) haben den Imagewandel von Udo Jürgens akzeptiert. Bezüglich dieser Arbeit ist es von untergeordneter Bedeutung, wie sich das neue Image von Udo Jürgens in den Medien etablierte, als mehr die Feststellung, dass Udo Jürgens heute als ein ernstzunehmender Künstler gilt. Medien mit den unterschiedlichsten Zielgruppen skizzieren ein nahezu identisches Erscheinungsbild des Künstlers. Es ist nicht zuletzt das Ergebnis dessen, was in den Jahren zuvor vom Star und dem Management imagebildend propagiert wurde:
„Das Phänomen Udo Jürgens ist schwer zu erklären. Auch nach 40 Musiker-Jahren füllt der Österreicher die Hallen wie sonst Michael Jackson oder Tina Turner. [...] Nie hat er sich in eine Schublade stecken lassen: Als Chansonnier sang er sich mit Liedern wie ‚Was ich dir sagen will‘ (1967) in Millionen Frauenherzen. Als Satiriker traf er mit kritischen Titeln wie ‚Lieb Vaterland‘ (1971) oder ‚Gehet hin und vermehret euch‘ (1977) den Nerv der Zeit. Kulthits wie ‚Aber bitte mit Sahne‘ (1977) sorgen bis heute für Stimmung auf Parties. [...] Und so dürfen seine Fans hoffen, dass ‚ihr‘ Udo so schnell noch nicht die Finger vom gläsernen Flügel lassen kann [...].“ (Hamburger Morgenpost, 8.9.2000)

Heike Gätjen schrieb am 8./9.11.1997 im ‚Wochenend-Journal‘ des ‚Hamburger Abendblattes‘:
„Udo Jürgens füllt als einziger in Deutschland die Lücke zwischen Schlagersänger und Chansonnier, Lebemann und Alltagsphilosoph. Er sorgt für Romantik und nimmt Spießer aufs Korn. Für die Jüngeren ist er schon eine Kultfigur. Wie macht der Mann das? [...] Der Bademantel erst bringt es, ein Symbol schrankenloser Vertrautheit zwischen Star und Publikum. Udo Jürgens hat sein Publikum wieder einmal im Griff. Seit dreißig Jahren ist der Liedersänger so als wahrer Meister der volksnahen Seelenmassage im Einsatz. [...] Udo Jürgens ist ein Routinier in Sachen Selbstverkauf. [...] Nicht nur sein Sexleben, auch die Art seiner Musik war immer für Schlagzeilen gut. ‚Ein Programm verteufelt auf Entmündigung und getrimmt auf Schwachsinn‘, hieß es Ende der Sechziger in der Süddeutschen Zeitung. [...] Daran können sich Udo-Feinde hochziehen, Verehrer und Freunde kümmert das wenig. Ihn selbst mittlerweile auch nicht mehr. [...] Nächtelang spielt er im so genannten ‚Damenzimmer‘ Klavier. Lebt in einer Traumwelt, hat nur ein Ziel vor Augen: Musik machen, Lieder komponieren, singen. [...] Frank Sinatra ist sein Idol. [...] Er hat es geschafft. Das Schnulzen-, Schmalz- und Glitsch-Image der frühen Jahre ist irgendwo auf der Strecke verstummt. Den arg strapazierten und heruntergewirtschafteten Begriff des Schlagersängers hat er aufpoliert. Liedersänger ja, auch Gassenhauersänger im reinsten Sinne wollte er immer sein. Mit viel Disziplin, Enthusiasmus und echter Hingabe ist es ihm gelungen. [...] Er hat Freddy Burger, seinen Manager, mit dem er sich auch menschlich verbunden fühlt. [...] Er hat es wieder einmal geschafft. Bis aus den letzten Reihen ist die Liebe auf die Bühne geschwappt. Von vielen Frauen und auch von Männern. ‚Ich brauche viel Zuwendung‘, hat Udo Jürgens einmal gesagt. Er nimmt sie gierig und gibt sie reichlich. Vielleicht ist das sein allen Stürmen und Trends trotzendes Erfolgsgeheimnis.“

‚Der Spiegel‘ schließlich berichtete schon 1994 über Jürgens:
„[...] Er war wie besoffen von dem, was die Zeitschrift Vanity Fair diesen ‚good, old-fashioned, pizzazzazzy, show-biz glamour‘ genannt hat. Damit waren seine beruflichen Lebenskoordinaten festgelegt: Klavier, Komposition, Konzert. [...] Udo, dieser Ikarus des aufklärerischen Entertainments, machte sich auf und flog seiner Sonne Sinatra entgegen. Als hätte er rechtzeitig abgedreht, um nicht zu verbrennen und abzustürzen, zieht er jetzt in achtbarer Nähe zu dem Giganten seine Kreise. Als einziger in Europa. [...] Heute, mit fast 60, ist Udo Jürgens ein Star. Der gelernte Musiker kennt sich in Literatur und Praxis zwischen Debussy, Gershwin und Jazzern aus. Das unterscheidet ihn von den Schlagerzecken in den Hitparaden. [...] Die Zwangs-Nörgler werden wieder ihrem Trieb gehorchen müssen. Doch Jürgens [...] schreibt: ‚Wenn ich schon nichts bewirken kann, dann will ich wenigstens zu jenen gehören, die ihren Mund aufgemacht haben [...].‘ Sammy Davis Jr. Beendete seine Shows regelmäßig mit einer der besten Kompositionen von Udo Jürgens: ‚If I Never Sing Another Song‘. Das ist der eigentliche Triumph des Entertainers mit der priapeischen Karriere.“ (Naura in: Der Spiegel, Heft Nr. 39/1994, S.141f.)

Als Star ist Jürgens mit immer neuen Ideen ganz eigene Wege gegangen und prägte einen unverwechselbaren eigenen Stil, der zwischen Schlager und Chanson, zwischen Leichtigkeit und Nachdenklichkeit changiert. Immer wieder hat er provokante und nachdenkliche Lieder geschrieben, darunter Was ist das für ein Land, Ein Bote aus besseren Welten, Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient, Ich glaube, 5 Minuten vor 12, Ich bin dafür, Ihr von morgen, usw. Nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch erweiterte Jürgens seinen Stil. Einige Lieder werden im Bigband-Sound, andere im klassischen Stil präsentiert. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder erfasste präzise das Phänomen Udo Jürgens in seiner Laudatio zur Verleihung der ‚Goldenen Feder‘ des Heinrich Bauer Verlages am 26. Mai 2000 in Hamburg und traf damit zielsicher das Erscheinungsbild des Künstlers in den aktuellen Medien (möglicherweise gerade weil diese eine meinungsbildende Wirkung innehaben):
„Viele versierte und renommierte Kritiker haben gerade in unserem Land so starre Grenzen zwischen ‚E‘ – wie ‚Ernst‘ – und ‚U‘ – wie ‚Unterhaltung‘ – wortreich beklagt. [...] Sie, lieber Udo Jürgens, hat diese Abgrenzung zwischen ernst, was dann als anspruchsvoll gilt, und Unterhaltung, die doch bloß seicht ist, nie wirklich interessiert oder gar beeindruckt. Dass Sie ein hervorragender Pianist und Komponist sind, hat Sie nie daran gehindert, die Menschen unterhalten zu wollen. [...] Seine riesige Fangemeinde hat ihm durch all die Jahre die Treue gehalten. Und Udo Jürgens hat ihnen immer gegeben, was im Showgeschäft nicht immer selbstverständlich ist: Qualität aus Spitzenniveau. Und auch ganz junge Leute kennen Udo Jürgens, seine Melodie und Texte. Also: Udo Jürgens schlägt Brücken zwischen den Generationen und ist heute sogar fast so etwas wie ein Kultstar. Seine Texte haben häufig etwas besonders Pfiffiges und augenzwinkernd Lebensnahes.“ (aus dem Programmheft zur Tournee ‚Mit 66 Jahren‘ 2000/2001, S.6f.)


 


zu 1.1.6 „Mit 66 Jahren...“ oder wie man das Image als Schlagersänger nicht mehr los wird

[4] Mit diesen Aussagen verteidigt sich Jürgens gegen die Kritik, die ihm nach Veröffentlichung des Liedes Gehet hin und vermehret euch entgegenschlug, worin er die religiöse Haltung der Kirche gegenüber der Überbevölkerung anprangerte.

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