1.1.4  Die akustische Komponente: Eigenschaften der Musik, der Texte und der Stimme von Udo Jürgens

Den Zugang zu einem Künstler finden die meisten Menschen über die Stimme, worüber die Stars letztlich auch aufgebaut werden.
Grundlegende Faktoren, die zum Image beitragen, sollen hier angesprochen werden. Das Timbre und die Artikulation der Texte sind in diesem Kontext ausschlaggebend. Die von den Fans als hart, aber dennoch weich charakterisierte Stimme von Udo Jürgens sowie die deutliche Artikulation der Texte sprechen die Rezipienten nicht nur auf CDs direkt an:

„Überall die gleiche Begeisterung. Ein Mann, ein Instrument, mehr ist nicht nötig. Das Publikum folgt der Stimme. Sie ist so prägend, so ausdrucksstark. Dieser Mann benötigt eigentlich kein Orchester. Udo erfasst alle Besucher.“
(Vogt 1994, S.15)

Dem Charakter der einzelnen Stücke entsprechend variiert Jürgens Intonation, Dynamik, Stimmfärbung und Singrhythmus. Exemplarisch sollen diese Faktoren und ihre Wirkung auf das Publikum an dem Siegertitel Merci Chérie des Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966 präzisiert werden.
In dem 1971 verlegten Buch „Warum nur, warum“ schreibt der Musikwissenschaftler und Sexualforscher Günther Hunold über den Zusammenhang von Musik und Sexualität und zieht als Beispiel das Lied Merci Chérie heran. Er rechtfertigt dieses Verhältnis folgendermaßen:
„Musik wird von Menschen für Menschen erfunden und interpretiert, und Sexualität und Erotik sind elementar an den Menschen gebunden. [...] Udo Jürgens und seine Wirkung auf Angehörige aller sozialen Schichten zu untersuchen, ohne zumindest den Versuch zu machen, seine erotische Ausstrahlung einzubeziehen, müßte einen wesentlichen Teil seines Erfolges ignorieren.“ (Hunold 1971, S.107f.)

Diese Aussage könne sich seiner Meinung nach aber nicht auf fundierte Grundlagenforschung berufen, sie wolle lediglich Teilaspekte andeuten. Wie in Kapitel 1.2 bereits dargelegt, sind die sexualsoziologischen Ansätze zwar veraltet und fragwürdig, sollen hier aber als eine mögliche Deutung der Wirkung Jürgens auf sein Publikum exemplarisch herangezogen werden.
Dem Schlager der 60er Jahre entsprechend sind in diesem Lied ausländische Textpartikel wie ‚Merci Chérie‘ oder ‚Adieu‘ wieder zu finden. Inhaltlich handelt das Lied von dem Ende einer großen Liebe, da der Protagonist aus ungenannten Gründen fortziehen muss. Diese melancholische Stimmung wird obendrein unterstützt durch den Einsatz von Streichinstrumenten im Hintergrund. Jürgens Lieder weisen
„eine Komponente auf, die der erotisch-sexuellen Anziehungskraft dienlich ist: pausenlos hämmernde, intensivierende, verstärkende, Lust erhöhende Triolen. Jene Aufteilungen musikalisch-rhythmischer Grundstruktur, die aus einem statischen Rhythmus einen dynamischen, aus einem erdgebundenen einen tänzerischen machen.“ (ebd., S.109)

Die zur Steigerung des Ausdrucks und der Aufmerksamkeit verwendeten Triolen, die vor allem in der romantischen Musik zu beobachten sind, finden sich den Aussagen Hunolds zufolge auch in anderen Jürgens-Liedern wieder. Durch die Interpretation, weniger durch die Komposition, schaffe er einen spannungssteigernden Bogen vom ersten bis zum letzten Takt. Zu dieser Spannung trägt maßgeblich die Stimme Jürgens bei. Triolen seien ganz allgemein Ausdruck einer sich steigernden erotischen Spannung. Auf der Basis einer permanent angewandten Triolendynamik tritt in Takt 6 zudem ein melodischer Höhepunkt ein, der Hunold zufolge die unbewusste Assoziation eines Orgasmus hervorrufe.
Fast alle Schlagermelodien unterliegen einer achttaktigen Periodik, dem bestimmten Verlauf einer musikalischen Linie. Merkmal dieser Form ist
„eine kontinuierliche Entwicklung, die im Rahmen von Frage und Antwort, Vorder- und Nachsatz zum melodischen Höhepunkt führt, der im allgemeinen im 6. Takt des insgesamt achttaktigen Gebildes steht.“ (ebd., S.113)

Dieser Spannungsverlauf ist identisch mit dem vom amerikanischen Sexualforscher Kinsey herausgefundenen Verlauf der weiblichen Erregungskurve beim Geschlechtsverkehr. Nur die Frau sei aufgrund ihrer körperlichen Disposition zu einer stetig anfallenden und ansteigenden Spannung fähig, weshalb sie eine solche „Perlenkette von Höhepunkten“ erleben könne. Aus diesem Zusammenhang folgert Hunold, dass die musikalischen Höhen in der Musik Udo Jürgens unbewusst in körperliche Bereiche transponiert würden und dadurch den in der Überzahl vertretenen weiblichen Zuhörerinnen ein „musikalisches Äquivalent eines pausenlosen Orgasmus“ geboten werde, weshalb diese sich besonders angesprochen und verstanden fühlten. Natürlich sei das Gesagte nicht wörtlich zu verstehen, vielmehr werde der Frau ein Glücksgefühl und eine Entspannung vermittelt, die diese als Ausgleich zum anstrengenden Alltag ersehne. Dass Jürgens Erfolg Hunolds Vermutungen zufolge womöglich auch auf das Fehlen eines dieser Spannungskurve folgenden Partners zurückzuführen ist, halte ich dagegen für spekulativ.

Konzerte generell vermitteln einen Rausch und das Gefühl, in der Gemeinschaft aufzugehen, wobei vor allem dem Rhythmus eine tragende Rolle zukommt.
Das äußert sich nicht nur in Popkonzerten, sondern auch in Jürgens Darbietungen in erster Linie gegen Ende des Konzertes durch an die Bühne strömende, mitklatschende Fans.

Der Journalist Reginald Rudorf fasst die Wirkung Jürgens auf sein Publikum überspitzt zusammen:
„Ihm ins Gesicht geblickt, ist jede Frau rund um den Durchschnitt hin. Udo quält sich nicht lange mit seinen einstudierten Temperamenten herum, sondern stellt sie zur Schau, er hat etwas von einem phonetischen Exhibitionisten, ähnlich den Chansonniers, die neben dem Jazz sein Vorbild sind – er weint womöglich und lacht spitzbübisch, wenn er müde vom Wandern anklopft. Er trägt Texte vor, mit denen sich noch immer jede Frau identifizieren möchte, er macht Anträge, die jede gern hört. Er verspricht mit Jungmänner-Touch viel – und hält es wenigstens für den Abend der Show. Den ganz kleinen Mädchen ist er Spielkamerad und Beschützer. Denen nach erster Erfahrung gaukelt er eine zweite vor, und denen, die mitten im großen Erleben sind, verspricht er Abwechslung. Den Ehefrauen schließlich gibt er Traum und Zurücksehnen nach verlorener Jungfräulichkeit. Die jungen Herren möchten so sein wie er, die beleibten Wohlstandsmänner wollen wieder so schlank werden wie Udo, und den Muttis ist er einfach so ein Ideal, wie es die eigenen Männer hätten eigentlich sein sollen oder die Söhne zumindest werden könnten. Er hat was von allen für alle – er ist ein Sang und Klang gewordener Bundesdurchschnitt, Troubadour der milden Mitte – er wurde zum richtigen Zeitpunkt auf das mittlere Publikum mit mittlerer Schlagermusik losgelassen.“ (Rudorf 1971, S.40)

Diese Darstellung Hunolds ist äußerst fragwürdig, zumal sie auch auf andere Interpreten zutreffen könnte. Sie liefert einen möglichen Ansatz zur Publikumswirkung, sollte aber distanziert bewertet werden.

 

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