1.1.3 Die visuelle Komponente des Stars

Udo Jürgens erscheint in seinen Konzerten im Smoking mit klassisch rotem Einstecktuch [3]. Dies erinnert an das seriöse, teils biedere Erscheinungsbild der Sänger aus den 50er Jahren. Dass dahinter aber genau dieser Gedanke steht, eben Glaubwürdigkeit, Seriosität und Neutralität zu vermitteln, soll folgende Aussage Jürgens belegen:

„...unterm Smoking Gänsehaut‘ heißt das Buch. Und das trifft den Gedanken, daß ich in meinem Leben eigentlich nie besonders gerne einen Smoking getragen habe. Eigentlich trug ich ihn, weil ich mich neutralisieren wollte, in einer Zeit, in der alle mit zerrissenen Jeans oder, im anderen Extrem, mit Goldjacken auf die Bühne kamen. [...] Ein Smoking erzeugt jene Neutralität, mit der ein glaubhafter Konzertmusiker auf die Bühne geht. Das war die ursprüngliche Idee. Und es wurde Tradition. Die Besucherinnen und Besucher wissen, dass ich im Smoking erscheine. Und jung und alt kamen und kommen wahrscheinlich deshalb in meine Konzerte fast so angezogen wie zu den Salzburger Festspielen. [...] Obendrein finde ich es als hochgradig dümmlich, dass sich heute Künstler dadurch profilieren wollen, dass sie zu jeder Gelegenheit im ‚Archipel-Gulag-Look‘ erscheinen! Fünf-Tage-Bart und Fetzen-Klamotten sollen eine Einfachheit vortäuschen, die nicht aufrichtig ist, sondern modische Wichtigtuerei.“ (Jürgens 1994, S.10)

Primäres Ziel war die Abgrenzung von den wilden und ausgelassenen Kleidungsstilen des Rock‘n Roll und Beat und damit einhergehend natürlich auch die Schaffung von Identifikationspunkten für ein gehobenes Klientel.

Signifikant sind darüber hinaus Gestik und Mimik des Künstlers. Immer wieder verlässt Jürgens seinen Platz am Klavier, bestreitet kleinere Tanzeinlagen, balanciert auf der Rampe oder schlendert ins Publikum. Er schüttelt Hände, verteilt Blumen und Handküsse. Seine Gesten sind mitunter provokant, aber niemals entgleisend. Der Aussage eines Fans zufolge lebe Udo Jürgens förmlich seine Lieder, deshalb beobachte sie besonders seine Mimik während des Spielens. (ZDF-Konzertmitschnitt vom 14.10.2001)

Jürgens Mimik scheint „immer wieder zwischen vitalem Siegerlächeln und rehäugiger Schüchternheit zu flackern“.

„Wozu das nach vorn gereckte Kinn und das strahlende Lächeln ermutigen, nehmen ein schnelles Kopfducken, ein Seitenblick und schmerzlich verzogene Lippen rasch wieder zurück.“ (Sieber 1971, S.136)
„Schließlich bestätigt Jürgens Auftreten in irgendeiner Form den Trend eines bestimmten Männlichkeitsklischees, das seine Fans vielleicht schon spontan erfassen, ohne es jedoch eindeutig verbalisieren zu können.“ (ebd., S.140)

In seiner Präsentation repräsentiert Jürgens angeblich alle Facetten von Männlichkeit und bietet somit vereinfacht ausgedrückt größtmögliches Identifikationspotential für beide Geschlechter. Der Jugendliche z.B. ahme Glogauer zufolge neben dem Gebärden- und Bewegungsstil nach dem Muster eines verwilderten Heldentums besonders den eleganten, weichen Männertyp, den graziösen und erotisierenden Frauentyp, so wie den unbefangenen ‚frischen‘ Mädchentyp nach. (Glogauer, zit. nach Busse 1976, S.20)
 


zu 1.1.4  Die akustische Komponente: Eigenschaften der Musik, der Texte  und der Stimme von Udo Jürgens

[3] Das rote Einstecktuch als Jürgens Markenzeichen ist ein begehrtes Sammlerstück bei den Fans, denen er die Tücher während seines Konzertes zuwirft. Gleichzeitig schmücken sich viele Fans als Erkennungszeichen mit einem solchen Tuch.

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