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1.1.2 Imagestrategien durch das Management von Udo Jürgens
Das Management entkräftigte die Abhängigkeit Udo Jürgens ihnen
gegenüber durch die Äußerungen, dass er der Chef sei, da seine Leute
schließlich von ihm bezahlt werden würden. (vgl. Busse 1976, S.23)
Doch Jürgens hatte zu diesem Zeitpunkt die Beziehung zwischen
Manager und Star bereits durchschaut:
„Künstler und Manager, Manager und Künstler – eine merkwürdige
Mischung, doch man weiß, dass man sich gegenseitig auf Gedeih und
Verderb ausgeliefert ist. Für keinen geht‘s ohne den anderen. [...]
Ein Manager ist immer irgendwo auch ein Spieler. Was er auch tut, er
setzt immer auf etwas, auf einen Sänger, einen Maler. Wie ein
Spieler setzt er auf Zahl oder Farbe. Und immer liebt er eine Farbe
ganz besonders – die des Geldes! Ja – ein Manager ist letztendlich
einer, der aus den Hirnschalen der anderen Champagner trinkt und
nicht nur nippt! Und wäre ein Manager nicht so, könnte kein Künstler
mit ihm groß werden.“ (Jürgens 1994, S.181-186)
Die größte je in Deutschland veranstaltete Tournee „Udo 70“
absolvierte Udo Jürgens mit 266 Auftritten in 222 Städten, wobei in
diesen 10 Monaten 500.000 Besucher (60% davon weiblichen
Geschlechts) verzeichnet werden konnten.
„Der Sinn einer Tournee liegt darin“, so beschreibt es Busse, „dass
die Fans den bisher unerreichten Star in der Wirklichkeit erleben
und durch den Effekt der Unmittelbarkeit [und Authentizität] stärker
an ihn gebunden werden.“ (Busse 1976, S.23) Die erotischen Wünsche
und libidinösen Bindungen verwirklichen sich auf solchen
Live-Konzerten [2], wo sie ihre
Sehnsüchte direkt auf den Star projizieren können, der darauf
unmittelbar antwortet. Diese Gefühle potenzieren sich zudem in der
Masse der gleich gesinnten Fans.
Das Konzert wird zu einem Ritual mit kommunikativer Symbolik. „Das
sublimierte sexuelle Verlangen verwirklicht sich, wenn es einem
weiblichen Fan gelingt, ‚wovon Millionen Mädchen träumen: Udo zu
küssen‘ (zu einem Bild, auf dem ein weiblicher Fan hingebungsvoll an
dem Idol hängt).“ (ebd.) Jürgens wiederum wird seiner
Rollenerwartung gerecht und verteilt Autogramme, die zu begehrten
Sammlerobjekten werden und ein Zeugnis für die Nähe zum Star
ablegen.
„In der sexuell-erotischen Zirkularstimulation von Individuum und
Gruppe schließt sich dann der Kreis von Wahrnehmen und Aktion
wieder.“ (ebd.)
Nach dem Konzert kaufen sich dann die meisten Besucher eine Platte
des Stars aus der Erinnerung daran, seinen Star ‚hautnah‘ erlebt zu
haben. Nicht zuletzt versucht das Management die Authentizität des
Live-Konzertes auf Platte einschließlich eines Farbalbums mit Photos
von der Tournee zu konservieren und den Fans mit folgenden Worten
anzupreisen: „Hier werden Sie gepackt von der prickelnden Stimmung,
vom Glanz seiner Auftritte, von der Begeisterung des Publikums. Hier
haben Sie Udo – mit Leib und Seele.“ (vgl. ebd., S.24)
Dementsprechend veröffentlichte Jürgens immer wieder Aufnahmen
seiner Live-Konzerte .
Authentizität und Glaubhaftigkeit garantieren den Erfolg eines
Künstlers. Aus diesem Grund beantworten Künstler die Fragen der
Presse nach dem Grund ihres Singens damit, dass sie ihre Gefühle und
Empfindungen ausdrücken wollen. Oftmals seien sie von einem kleinen
Erlebnis inspiriert worden, wie das Beispiel von Udo Jürgens zeigt,
der „wie jeder gute Künstler – ein unerhört sensibler Mensch sei“
und seine Erlebnisse in Lieder verwandle. (vgl. Kapitel 3.1.2) Das
Management unterstreicht diese Behauptung mit folgendem Beispiel:
„Ein Mini-Mädchen mit langen blonden Haaren überquerte die Straße
[in Schwabing, Leopoldstraße]. Udo sah sie nie wieder – aber sein
Hit ‚Siebzehn Jahr, blondes Haar‘ war geboren!“ Obwohl der Sänger
nicht immer auch der Texter des Liedes ist, wird dem Hörer
suggeriert, dass es sich dennoch um ‚echte‘ Gefühle und nicht um
‚Gemachtes‘ handelt. (ebd.)
Seit jeher wird am Management kritisiert, den Star wie ‚ein
Markenprodukt mit Motivforschung, verwendbar-orientierter Haltung,
Verbundwerbung, Salespromotion, Produkt-Design, Produkt-Politik und
berechnetem Lebenszyklus‘ aufzubauen. Am Beispiel Udo Jürgens und
seines früheren Managers Hans Beierlein lässt sich dieses Kalkül
ablesen. Beierlein schrieb als freier Journalist Geschichten über
Filmstars und produzierte auch selber kleinere Filme. Beierlein, der
1960 ins Plattengeschäft einstieg und als Musikverleger die ‚Edition
Montana‘ gründete, äußerte sich zu seiner Strategie: „Ich bin kein
Risiko eingegangen. Ich habe immer an einen großen Schlagererfolg,
den Millionen Leute kannten, eine dümmliche Handlung angehängt.“
Beierlein entdeckte neue Marktlücken im Schlagerbereich und verstand
es, den Sänger auf die Fans auszurichten. Busse schreibt
diesbezüglich:
„So gesteht er offen: ‚Produzieren heißt, die Sängerin an der
Hand nehmen, mit ihr ins Studio zu fahren, maßgeschneiderte Lieder
aufzunehmen und die Promotion dafür zu machen.‘“ (Busse 1976,
S.25)
Nachdem Udo Jürgens der Firma Polydor trotz seines Hits Jenny nicht
genügend Umsatz einbrachte und deshalb 1964 gekündigt wurde, gelang
es Beierlein als Branchenkundigem, aus sich selbst mit dem Slogan
„Der Mann, der Udo Jürgens machte“ einen ‚Manager-Star‘ zu machen
und aus Jürgens mit modernen Werbemethoden und Public-Relation einen
großen Star zu kreieren:
„Mit dem Udo war also was zu machen, man musste ihn nur steuern
und festlegen. Die Marktposition erkunden, ausloten und dann
entsprechend aufbauen. Die Schwierigkeit in Deutschland war, dass
Udo zu anspruchsvolle Lieder brachte, nicht kommerziell genug. So
versuchte ich, ihn von außen aufzubauen. Denn ein Mann, der im
Ausland Erfolg hat und dann aus dem Ausland zurückkommt, der wird in
Deutschland gefeiert, als ob er nun wirklich der Größte wäre."
(zit. nach ebd.)
Die Lieder würden auf den Markt zugeschnitten, vorher aber in
kleineren Provinzstädten (u. a. von Rundfunkstationen und DJ‘s
angepriesen) getestet. So wurde aus dem zuvor erfolglosen Lied
Anuschka durch Änderungen bestimmter Partien letztendlich ein Hit.
"Nach dem Prinzip, dass [Beierlein zufolge] ‚für jede Kategorie
etwas Brauchbares dabei ist‘, bringt der Texter viele
Allgemeinplätze, um damit den Markt langsam zu vergrößern; Beierlein
äußert sich dazu wie folgt: ‚In unsere Lieder sind beträchtliche
Binsenweisheiten verpackt, [um damit] ein möglichst breites Publikum
anzusprechen." (ebd., S.26)
Und in der Tat erreichte Udo Jürgens die gesamte
Generations-übergreifende Bandbreite des Schlagerpublikums vom Kind
bis hin zur Großmutter. So ließ Beierlein Jürgens unterschiedliche
Lieder wie den Pseudo-Western-Song Cotton Fields, das freche Es wird
Nacht, Senorita oder das pseudoreligiöse Lied "Wer ist er?" singen.
„Hier zeigte der Manager, wie man einen halbwegs musikalischen
Menschen als vorhandenes ‚Material (...) bearbeiten und verarbeiten
kann‘ und zum anderen, dass Marktlücken erkannt (‚echte Nachfrage
erzeugen‘) und genutzt (‚in meinungsbildende Schichten einbrechen‘)
werden. Der Sänger muss nach dem Neuheitsprinzip wirken und auf eine
andere Komponente als die der Schlagerstandards festgelegt werden,
was nach dem Werbeprinzip der Abgrenzung von oben und unten
erfolgt.“ (ebd.)
Zum Image des stark libidinös besetzten Produkts Udo Jürgens gehört
der Begriff Seriosität, was sich einerseits durch die hohe
Qualitäten wie die Stimme und das Klavierspiel von Jürgens und
andererseits durch die äußerliche Erscheinung äußert‚
„womit von vornherein eine gepflegte Atmosphäre im Saal erreicht
wird. Schließlich trällert Udo ja keine Schlager – er gibt ein
Konzert!" (zit. nach ebd.)
„Um das Wohlstandsdenken des Bundesbürgers an Udo zu gewöhnen,
mussten die Spießer und Fans, Politiker und Publikum von der im
Unterbewussten schlummernden Komödianten-Verachtung abgerückt
werden. [...] Das Unsolide des Musikers, die Unzuverlässigkeit des
Sängers, die Treulosigkeit des Troubadours, die Wankelmütigkeit des
Bühnenkünstlers – diese oft noch ins 20. Jahrhundert mitgeschleppten
Ingredienzen des Musiker-Rufes mussten ganz und gar widerlegt werden
[...]. Um das alles aufzufangen und ad absurdum zu führen, erklärte
Beierlein klipp und klar: ‘Ich manage nur Hasch-freie Künstler.‘ Und
sein Star wurde nachgerade berühmt als Kamillentee-Trinker [in
Wirklichkeit aber Lindenblütentee], obschon Udo vor jedem Konzert
eine Flasche Mosel trinkt, danach Bier; vom Zigaretten-Konsum ganz
zu schweigen.“ (Rudorf 1971, S.78)
Mit solchen Worten wollte das Management Udo Jürgens bewusst vom
Schlagermarkt abgrenzen und plante die angestrebte Zielgruppe. Seine
Schallplatten sollten bevorzugt von mittleren bis hohen
Angestellten, die über ein Monatseinkommen zwischen 1500 – 2500 DM
haben (die Angaben beziehen sich auf die 70er Jahre), gekauft
werden. Der enorme Bekanntheitsgrad von 93% in der deutschen
Bevölkerung (der Bekanntheitsgrad liegt Beierlein zufolge in der
Größenordnung von ‚VW‘ oder ‚Persil‘) wurde in Anlehnung an das
amerikanische Werbeprinzip durch stetige Namensnennung und
Bewusstmachung in der Öffentlichkeit erreicht. Indem Udo Jürgens mit
Politikern und Wissenschaftlern korrespondierte und sich
fotografieren ließ, stieg der Wert und die Qualität seiner Lieder.
(vgl. Kapitel 1.6) Udo Jürgens ist einer der wenigen deutschen
Künstler, die stets mit Live-Big-Band auftreten und die Lieder live
gesungen präsentieren. Auch diese Tatsache macht ihn glaubhaft.
Authentisch sind in diesem Zusammenhang sein Klavierspiel und sein
Auftreten, mit dem er sein Publikum überzeugt.
Zum Bruch mit dem Manager Beierlein führten unter anderem die
Äußerungen Beierleins, dass es bei ihm keinen vierzigjährigen Sänger
mehr geben werde (womit zu dieser Zeit eindeutig Udo Jürgens gemeint
war). Udo Jürgens wurde Beierlein zu groß, und nach finanziellen
Unstimmigkeiten wechselte Jürgens schließlich seinen Manager.
Mit Freddy Burger verbindet Jürgens nicht nur eine geschäftliche,
sondern auch freundschaftliche Zusammenarbeit. Burger bekundete in
einem TV-Interview, daß er Udo niemals zu etwas zwinge und ihm
absolute künstlerische Freiheit zugestehe. Alles Belastende halte er
von ihm fern. Er sei sein Freund, sein Berater und sein Vertrauter.
Udo vertraue ihm fast blind (vgl. ZDF-Konzertmitschnitt vom
14.10.2001). Dadurch begab er sich aber vermutlich in neue
Abhängigkeit.
Die vom Management verfaßten Texte in den Programmheften werden mehr
oder weniger vollständig von den Fans rezitiert, so daß der Star in
dem bleibt, was seinen Fans auszudrücken gelingt, nämlich ein
Produkt seiner Programm- und PR-Texte. Und dieses Produkt erhält
Zustimmung, wie noch zu zeigen sein wird.
[2] Aufnahmen von Live-Konzerten sind
u.a. „Udo live 1978“ , „Udo live & hautnah 1984/1985“, „Udo – das
Livekonzert 1987“, „Größenwahn – live“ 1994, „Gestern-Heute-Morgen –
live“ 1997, „Mit 66 Jahren – live 2001“ u.a.
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