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Das
folgende Kapitel beschäftigt sich explizit mit dem Star Udo Jürgens.
Anhand der vorgestellten Theorien soll vor allem die praktische
Umsetzung derselben und die Wirkung auf die Fans analysiert werden.
Dabei stehen die Fragen im Vordergrund, inwieweit der Star Udo
Jürgens sich selbst und sein Werk in dem Buch „Unterm Smoking
Gänsehaut...“ zu authentifizieren versucht, und welche Strategien
und Überlegungen bezüglich der Pressearbeit und der
visuell-akustischen Erscheinung Jürgens von seiten des Management
zur Imagebildung beitrugen. An ausgesuchten Beispielen soll
schließlich die Reaktion der Medien erläutert werden sowie das mit
dem Lied Lieb Vaterland verbundene, im Laufe der Zeit sich eventuell
veränderte Erscheinungsbild Jürgens in den Medien. Entscheidend ist
schließlich die Reaktion der Fans auf das, was ihnen als komplexes
Gesamtprodukt, als Star Udo Jürgens, angeboten wird. Die
diesbezügliche Untersuchung stützt sich erstens auf das Buch
„Momente, nur Momente“ von Dagmar Vogt, die über ihre langjährige
Fankarriere berichtet, auf ein vom Autor mit einem Fan geführtes
Interview sowie auf die Ergebnisse aus einem vom Autor eigens
erstellten Fragebogen auf der Fanseite www.udofan.de im Internet, in
dem die Fans von Udo Jürgens aufgefordert wurden, zu ihren
Fanaktivitäten Stellung zu nehmen.
1.1 Der
Star Udo Jürgens
1.1.1 Kindheit und Jugend als Indiz der Professionalität des Künstlers
– eine
Wunderkindkarriere?
Udo Jürgens musikalisches Können fundiert auf einem Studium im
Bereich Komposition, Klavier und Gesang am Konservatorium in
Klagenfurt. Diese Tatsache weist ihn als Ausnahmekünstler unter den
musikalisch meist dilettantischen Schlagerkollegen aus und prägt
maßgeblich sein Image des professionellen Künstlers. So zieht er
folgende Vergleiche heran:
„Mein Beruf passiert nachts. [...] Es liegt in der Natur der Sache,
dass ein Musiker seine Arbeitszeit eher auf die späteren Stunden des
Tages verlegt; das war immer so. Mozart hat nachts komponiert,
Beethoven auch. Bernstein ebenso. Die Beatles haben ihre Songs fast
alle weit nach Mitternacht eingespielt. Die Stones in besten Zeiten
sowieso.“ (Jürgens 1994, S.238)
Musikalische Begabung zeigt sich oft schon in der Kindheit. So
berichtet auch Jürgens von seinen musikalischen Anfängen am Klavier
[1] und forciert sogleich das Bild eines
‚Wunderkindes‘, das als Selbstaussage für sich stehen muss, da die
Biographie einzige Quelle dieser Aussage ist:
„Nachts, wenn meine Eltern mal aus dem Haus waren, was sehr selten
vorkam, bin ich aus dem Bett, ran ans Klavier und habe gespielt. Ich
verknotete am Klavier meine Phantasie mit den Tasten, hob ab in eine
Welt, in der alles klang und schwebte. [...] Doch dieses Klavier,
das ich als Kind so gefürchtet hatte, da es mir wie ein schwarzer
Sarg erschien, bevor ich sein musisches Geheimnis entdeckte, zog
mich unheimlich an. Kaum waren meine Eltern verschwunden, saß ich
schon davor und spielte, spielte, spielte. [...] Jahre später
gestand mir meine Mutter: „Ja, und als dein Vater und ich spätabends
aus Klagenfurt zurückkamen, da hörten wir schon vor der Tür, dass du
Klavier spielst. Natürlich waren wir etwas böse, weil du nicht auf
uns gehört hattest. Aber andererseits: Wie wir dich da durch die Tür
spielen hörten – da mussten dein Vater und ich einfach stehen
bleiben. Ja, ich habe ihm sogar mit meinen Fingern den Mund
geschlossen, raunte ihm leise zu: ‚Bitte sei ganz ruhig! Genießen
wir es, hören wir dem Jungen doch einfach zu, bevor wir ins Zimmer
platzen.‘ (ebd., S.34)
Sie bemerkten das Talent ihres Sohnes. Nach Opernbesuchen im
Klagenfurter Stadttheater konnte Udo Jürgens nach Eigenaussage das
Gehörte sogleich „mit absoluter Sicherheit“ nachspielen:
„Mein freies Spiel und mein Talent zum Improvisieren waren so
ausgeprägt, dass von Zeit zu Zeit sogar Musikpädagogen aus
Klagenfurt, Innsbruck, einmal gar aus Wien kamen, um sich dieses
„Wunderkind aus Kärnten“ anzuhören.“ (ebd., S.35)
Über sein ‚Überidol‘ Frank Sinatra - Jürgens imponierte vor allem
dessen machohaftes Auftreten in Begleitung von schönen Frauen und
das verschwenderisch luxuriöse Leben - gelangte er zum
„gepflegten Salonjazz, zu Musikern im Smoking, Gordon Jenkins,
Strings- & Big Band-Jazz, George Gershwin, Broadway: Alles klingt
und glitzert, erfolgreiche Männer und schöne Frauen, die hinter
ihnen her waren.“ (ebd., S.232)
Udo Jürgens bestätigt in seiner Biographie Kenntnis in Theorie und
Praxis sowohl von klassischer als auch moderner Jazz-Musik. Weiter
schreibt er:
„Ich ließ die Tasten damals ganz schön tanzen! Ich überließ mich
meinen Träumen, schwebte auf Tonwolken dahin. Ich experimentierte
mit meinen Ideen herum. Heute viele Jahre später, kann ich sagen,
daß ich so ab zwanzig ein ziemlich guter Jazzpianist war, und ich
tauchte lustvoll ein in die Tonkaskaden, die mir gerade einfielen.
Ich machte Musik, die eigentlich keiner wollte: Ich liebte den
East-Coast-Jazz. Der Sound war versponnen, sehr schwer zu spielen
und verlangte von uns jungen Musikern die totale Beherrschung der
Technik und progressiver Harmonik. Da wurde einem kein einziger Ton
geschenkt. [...] Das war für mich das musikalische Abenteuer, das
Überwinden von Grenzen, war die Erfahrung, daß Musiker aus dem Land
von Bach, Beethoven und Mozart mit Musikern aus Kanada, Mexiko,
Nord- und Südamerika selbstverständlich zusammenspielen können, weil
die Noten, die Töne eben überall gleich sind. Ich glaube, diese
Phase war wichtig für mich, weil ich damals ein Gespür dafür
erworben habe, ab wann Gefühle in der Musik ins Schmalzige, klebrige
abgleiten. Und später, als mein Geschmack emotionaler und sinnlicher
wurde, hat mir diese Sicherheit natürlich sehr geholfen. Nachdem ich
technisch auf dem Klavier immer versierter wurde, begann meine
experimentelle Phase. Ich war harmonisch sicher, setzte bewußt
zusätzliche Töne, verfeinerte und verkomplizierte die Akkorde,
gebrauchte Zwischendominanten, versuchte, harmonische Kadenzen zu
verschleiern und den Tonvorrat umzudeuten. Konservativ, klassisch
erzogen und ausgebildet, wurden meine Improvisationen immer kühner,
gewagter. Ich nahm den zwölftaktigen Blues als Vehikel für kühne
musikalische Behauptungen – und suchte im Niemandsland zwischen
Chopin, Debussy, Reger meine linke Hand, die technisch immer hinter
meiner rechten Hand herhinkte. [...] Nächtelang versuchte ich all
das mit meiner ausholend romantischen Art zu vereinen. Die elegante,
geruhsame, romantische Intention meines Spiels, die mir innewohnende
Neigung zu pathetischen Monologen und sich wiederholenden
musikalischen Selbstzitaten – das bin eben ich, dazu stehe ich, auch
wenn das immer wieder Anlaß für Kritik gibt. [...] Ich verließ auch
mal den Viervierteltakt, probte differenziertere, eigenwilligere
Stile, unterbaute Soli mit eigenen Ideen und kommentierte alles mit
einem Rhythmus, der pulsierte – also meinen Körper zum Swingen,
Schweben und Bewegen brachte. Ich habe damals gerne getanzt, was für
Musiker nicht gerade gewöhnlich ist. Unbewußte Vorboten auf den
Entertainer? Damals begriff ich die unbegrenzten Möglichkeiten
meines Instruments: des Klaviers!“ (ebd., S.232ff.)
Die den
Künstler inspirierende Musik sowohl des East-Coast- als auch des
West-Coast-Jazz sei trotz kommerziellen Erfolges vor allem eine
intellektuelle Musik, die sich vorwiegend an Minderheiten richtete,
behauptet Jürgens. Darüber hinaus liefert er mögliche
Erklärungsmuster für visuelle Komponenten seines Images.
Den Fortgang seiner Karriere, in deren Mittelpunkt stets das Klavier
stand und steht, schildert Jürgens folgendermaßen:
"Langsam zog ich mich also vom Jazz zurück, ohne natürlich die Liebe
zu dieser Musikform zu verlieren. Ich wollte zu neuen Ufern. Und ich
begann, am Klavier zu singen. Die herrlichen Songs, nach denen wir
immer improvisiert hatten. Und siehe da: Mit dieser Variante konnte
ich jeden Jazzclub binnen Minuten in ein Tollhaus verwandeln. Ich
begann zu ahnen, wohin mein Weg mich führen könnte.“ (Jürgens
1994, S.236)
Die Tatsache, dass Jürgens professioneller Klavierspieler ist,
nutzte auch sein Manager Beierlein für seine Vermarktungsstrategien:
„Er saß am Klavier, der einzige, der am Flügel gesessen war. Das
Klavier ist also ein Imagebestandteil geworden für Udo.“ „Diese
Klavierspielarie, die wir in den ersten Jahren außerordentlich
gepflegt und gefördert haben, hat bei den Leuten draußen immer
wieder den Eindruck erweckt, das ist nicht einer, der hingeht und
mit Technik zum Singen gebracht wird, sondern einer, der es kann.“
(Litschka 1971, S.63,67)
Die Überlegungen Beierleins zahlte sich aus, als dem Sänger Udo
Jürgens bei einer Umfrage eines deutschen Verlages schließlich die
Kategorie ‚Kunst‘ zugeordnet wurde, eine Kategorie, die also weit
über dem normalen Schlagerniveau liegt. (vgl. ebd., S.68) Diese
Umfrage zeigt die Tendenz bei den Hörern, Jürgens als seriösen und
ernstzunehmenden Künstler anzusehen.
Immer wieder charakterisiert Jürgens seine Karriere als mühsam und
zuweilen schwierig. Nicht selten kokettieren Künstler damit, dass
sie am Anfang ihrer Karriere nur über beschränkte Mittel verfügten,
was im Kontext des Images bei den Fans Bewunderung und Anerkennung
auslöst und den Erfolg schließlich gönnend rechtfertigt.
Hausmusik, insbesondere das Klavierspiel, gehörte bekanntlich zu den
Standards der guten Erziehung in bürgerlichen Familien, wodurch sich
der Repräsentationswert und das Ansehen gegenüber der Gesellschaft
erhöhte. |